Strahlentherapie in der Tumortherapie
Die Strahlentherapie hat sich als ein weiterer Bestandteil der Onkologie in der Veterinärmedizin etabliert. Trotz ihrer Bedeutung ist sie jedoch noch nicht flächendeckend implementiert. Sowohl Kolleg:innen als auch Tierbesitzer:innen haben zahlreiche offene Fragen - und es existieren Unsicherheiten, wann eine Strahlentherapie anzuraten ist, und wie es dem Patienten dabei ergeht.
Im Tiergesundheitszentrum Grußendorf setzen wir einen hochmodernen Linearbeschleuniger (Abb. 1) ein, um eine präzise und effektive Bestrahlung durchzuführen. Wir haben sowohl die Möglichkeit. oberflächliche Bestrahlungen mit Elektronen (bspw. für eine Narbennachbestrahlung) als auch die Bestrahlung von tieferliegenden Tumoren mit Photonen (z.B. Hirntumore oder Nasenhöhlentumore). Durch die Strahlentherapie erfolgt eine Schädigung der DNA der Tumorzellen, was je nach Intensität und Anzahl der Bestrahlungen zu Hemmung der Zellteilung und letztlich zum Absterben der Tumorzellen führt. Darüber hinaus findet die Strahlentherapie auch Anwendung in der Behandlung chronischer Entzündungen wie bei Osteoathritis.
Therapieplanung onkologischer Patienten
Für eine sinnvolle Therapieplanung onkologischer Patienten ist eine ausführliche Voruntersuchung wichtig, die wir gerne von den überweisenden Kolleg:innen erhalten. Neben einer gründlichen klinischen Untersuchung ist eine präzise Tumordiagnostik erforderlich, die durch zytologische oder pathologische Untersuchung gestellt wird. Je nach Art des Tumors sollte ein Staging durchgeführt werden, um festzustellen, ob schon Metastasen vorliegen. Hierbei können verschiedene diagnostische Verfahren zum Einsatz kommen darunter die Untersuchung der Lymphknoten, Röntgenaufnahmen des Thorax, Ultraschalluntersuchung des Abdomens sowie computertomographische und magnetresonanztomographische Untersuchungen. Auf Basis der erhobenen Befunde wird ein individueller Therapieplan erstellt, der ausführlich mit den Patientenbesitzer:innen besprochen wird. Dieser Plan kann verschiedene Behandlungsansätze umfassen, darunter chirurgische Eingriffe, Strahlentherapie und Chemotherapie.
Die Strahlentherapie kann sowohl kurativ als auch palliativ eingesetzt werden abhängig von verschiedenen Faktoren wie Tumorart, Tumorgröße, Metastasierung, Alter des Patienten und bestehenden Vorerkrankungen. Die Entscheidung über die jeweilige Behandlungsmethode findet stets in enger Absprache mit den Tierhalter:innen statt.
Strahlentherapieplanung
Die Wahl zwischen Photonen- und Elektronenstrahlung richtet sich nach der Lokalisation des Tumors. Als Faustregel gilt, dass sichtbare Tumore und Narben mit verbliebenen Tumorzellen mit Elektronen bestrahlt werden, während innere Tumore wie Hirntumore, Nasenhöhlentumore und Osteosarkome mit Photonen bestrahlt werden.
1D Planung mit Elektronen
Die Erstellung eines Elektronenplanes (1D Planung) für intra- und subkutane Tumore, sowie die Nachbestrahlung von Narben, bei denen der Tumor nur knapp oder nicht ausreichend entfernt werden konnte, erfolgt zügig. Eine Bestrahlung kann bereits am Tag der Erstvorstellung durchgeführt werden. Bei der Planung wird die Dosis in Gray (GY) festgelegt und auf die Anzahl der Bestrahlungssitzungen verteilt, die sog. Fraktionierung. In der Regel werden kurative Bestrahlungen in 10 bis 15 Bestrahlungssitzungen und palliative auf 4 Bestrahlungen aufgeteilt.
Intensitiy Modulated Radiation Therapy - IMRT Planung mit Photonen
Für die Planung von Photonenstrahlentherapien ist immer ein von uns durchgeführtes CT nötig, auch wenn schon eins durchgeführt wurde, da der Patient dabei in einer individuell angefertigten Lagerungshilfe (Abb. 2) exakt positioniert wird. Somit wird gewährleistet, dass der Patient darin dann auch während der Bestrahlung präzise in der identischen Positionierung gelagert wird (Abb. 3). Das CT dient als Grundlage für einen IMRT-Plan, dessen Erstellung deutlich mehr Zeit in Anspruch nimmt, als die eines Elektronenplans. Aufgrund dessen kann die Erstbestrahlung nicht am Tag des CT stattfinden.
Durch IMRT kann die Strahlungsintensität so angepasst werden, dass sie der Form des Tumors folgt und gleichzeitig Risikoorgane wie Augen geschont werden (Abb. 4). Die Bestrahlung erfolgt aus verschiedenen Richtungen und mit variierenden Strahlungsstärken. Zusätzlich wird ein Multi- Leaf-Collimator (MLC, Abb. 5) eingesetzt, der aus zahlreichen röntgendichten Lamellen besteht. Diese Lamellen passen sich für jede Strahleneinheit an, so dass der Strahl optimal geformt wird, um der Anatomie des Tumors zu entsprechen. Dadurch wird das umliegende Gewebe bestmöglich geschützt.
Faustregel: Sichtbare Tumore und Narben mit verbliebenen Tumorzellen werden mit Elektronen, während innere Tumore wie Hirntumore, Nasenhöhlentumore und Osteosarkome mit Photonen bestrahlt."
Ablauf der Bestrahlung
Der Ablauf der Bestrahlung ist für jeden Patienten gleich, unabhängig von der Strahlenart oder dem Behandlungsziel. Die Bestrahlung erfolgt ambulant, es sei denn die Besitzer:innen wünschen eine stationäre Aufnahme. Über einen venösen Zugang erfolgt eine Sedation und anschließend eine exakte Lagerung und Fixation auf dem Carbontisch des Beschleunigers. Eine Bestrahlung dauert zwischen 30 Sekunden und 5 Minuten. Da wir uns aufgrund der Strahlung nicht in der Sperrzone aufhalten dürfen, wird der Patient über einen Monitor überwacht. Sollte er während der Bestrahlung seine Position verändern, kann die Bestrahlung zu jeder Zeit unterbrochen werden und nach Korrektur der Lagerung wieder fortgesetzt werden. Nach ca. 30 Minuten können die Besitzer:innen ihr Tier wach und gehfähig wieder in Empfang nehmen (Abb. 6-10)
Wirkung und Nebenwirkung der Bestrahlung
Die Strahlentherapie ermöglicht eine gezielte und effektive lokale Behandlung von Tumoren - Lebensqualität und Wohlbefinden des Patienten stehen stets im Vordergrund stehen. Nebenwirkungen der Strahlentherapie sind in der Regel gut überschaubar. Die Bestrahlung hat eine lokale Wirkung auf den Bestrahlungsbereich, Veränderungen treten also nur in diesen Bestrahlungsfeld auf. Dies bedeutet, dass systemische Symptome wie Übelkeit, Erbrechen, Inappetenz oder Durchfall nicht durch die Therapie verursacht werden können. Eine mögliche Nebenwirkung ist die strahleninduzierte Dermatitis, die vergleichbar mit einem starken Sonnenbrand ist. Diese entsteht, weil sowohl Tumorzellen als auch gesunde Zellen geschädigt werden. Gesunde Zellen verfügen jedoch über einen effektiveren Reparaturmechanismus, so dass nicht jeder Patient eine Dermatitis entwickelt. Auch nach Abschluss der Therapie können im bestrahlten Bereich noch Veränderungen im Tumor als auch im gesunden Gewebe auftreten. Häufig kommt es zu Haarausfall und im Anschluss vorrübergehenden spärlichen und oft depigmentierten Haarwachstum. Auch im Bereich der Haut kann eine Abnahme der Dicke und sowohl eine Depigmentierung als auch eine Hyperpigmentierung beobachtet werden.
Langfristig können auch nach vielen Jahren noch lokale Schäden wie Fibrosen auftreten. Daher wird bei sehr jungen Patienten empfohlen, die Bestrahlung in mehr Fraktionen aufzuteilen als bei älteren Patienten.