O-Mega für Haut & Fell: Gezielter Einsatz von Fettsäuren in der Kleintierdermatologie

Bereits in frühen humanmedizinischen Studien aus den 1920ern wurde deutlich, dass bestimmte Fettsäuren, wie Linolsäure oder α-Linolensäure, für die Gesundheit der Haut unverzichtbar sind, sie werden daher als „essentiell“ bezeichnet, da der Körper sie nicht selbst herstellen kann und auf die Zufuhr über die Nahrung angewiesen ist. Seit den 1980ern haben sich auch in der Kleintiermedizin und vor allem in der Kleintierdermatologie die Polyunsaturated Fatty Acids (kurz ‚PUFAs‘, oder im Deutschen ‚mehrfach ungesättigte Fettsäuren‘) als wertvolle, therapeutische Ergänzung international etabliert. Besonders bekannt ist hierbei der sogenannte ‚Kortison-sparende Effekt‘: Durch die Ergänzung von Omega-3-Fettsäuren kann es möglich sein, den Bedarf an stärkerer Medikation, z.B. Glukokortikoide im Therapieplan zu reduzieren.

PUFAs stabilisieren die Hautbarriere, modulieren entzündliche Prozesse und beeinflussen die Immunantwort auf zellulärer Ebene. Dies macht sie zu einem interessanten Baustein bei der Behandlung von atopischer Dermatitis, seborrhoischen Erkrankungen, Xerosen und autoimmunen Hauterkrankungen bei Hunden und Katzen. Über die Modulation der Synthese pro- und antiinflammatorischer Mediatoren können sie zu einer klinischen Verbesserung beitragen und stellen damit eine mögliche Ergänzung in einem multimodalen Therapiekonzept dar (1-3).

Biochemische Grundlagen und Mechanismen

PUFAs üben eine Vielzahl antiinflammatorischer und immunmodulatorischer Effekte aus. Die genaue Kombination der Mechanismen, die letztlich für die klinische Besserung dermatologischer Erkrankungen bei Hund und Katze verantwortlich sind, ist jedoch noch nicht abschließend geklärt. Dennoch lassen sich drei zentrale Wirkebenen unterscheiden: die Modulation der Eicosanoidproduktion, die Hemmung proinflammatorischer Zytokinsekretion, sowie die Korrektur epidermaler Lipiddefekte (3).

Modulation der Eicosanoidproduktion

Grundsätzlich beruht die Wirkung der Fettsäuren auf einem subtilen Substrataustausch, der die Balance zwischen pro- und antiinflammatorischen Mediatoren moduliert. Die Haut von Hunden und Katzen unterscheidet sich in ihrem Fettsäurestoffwechsel von allen anderen Organen, da ihr die Enzyme Δ-6- und Δ-5-Desaturase fehlen. Dadurch kann sie aus Linolsäure (LA, Omega-6) keine Arachidonsäure (AA) synthetisieren. Stattdessen wird LA zunächst zu Gamma-Linolensäure (GLA) und weiter zu Dihomo-Gamma-Linolensäure (DGLA) elongiert. DGLA ist von besonderem Interesse, da sie mit AA um die gleichen Enzymsysteme konkurriert: Cyclooxygenase (COX) und 5-Lipoxygenase (5-LOX). Während aus AA proinflammatorische Mediatoren wie Prostaglandin E2 (PGE2) oder Leukotrien B4 (LTB4) entstehen, wird DGLA zu Prostaglandin E1 (PGE1) und 15-Hydroxyeicosatriensäure (15-HETE) metabolisiert. Diese Metabolite wirken antiinflammatorisch, indem sie die Freisetzung weiterer AA hemmen und die Bildung von LTB4 blockieren (3).

Omega-3-Fettsäuren beeinflussen ebenfalls den Eicosanoidstoffwechsel, indem sie als Eicosapentaensäure (EPA) und Docosahexaensäure (DHA) in Konkurrenz zu AA treten. EPA führt zur Bildung weniger proinflammatorischer Derivate wie PG3 und LTB5, während durch 15-Lipoxygenase aus EPA 15-HEPE und aus DHA 17-HDHA gebildet werden, beides Metabolite mit entzündungshemmenden Potenzial. Damit verschiebt sich das Gleichgewicht der Eicosanoidproduktion in Richtung antiinflammatorischer Mediatoren (3).

Inhibition zellulärer Aktivierung und Zytokinsekretion

Neben der Eicosanoidmodulation zeigen PUFAs direkte immunregulatorische Effekte. Sie reduzieren die Synthese zentraler proinflammatorischer Zytokine wie TNF-α, IL-1 und IL-6 sowie die Produktion von IL-2. Damit wird sowohl die Aktivierung als auch die Proliferation von T-Lymphozyten abgeschwächt. Darüber hinaus können PUFAs auch die Expression von Adhäsionsmolekülen beeinflussen, wodurch die Migration von Entzündungszellen ins Gewebe reduziert wird. Auch die Proliferation von Keratinozyten wird gehemmt, was für hyperproliferative Hautzustände von Relevanz ist (3).

Omega-3-Fettsäuren verändern zudem die Zusammensetzung der Phospholipide in Zellmembranen, die für die intrazelluläre Signaltransduktion wesentlich sind. Dies wirkt sich auf die Aktivierung von Immunzellen, die Produktion reaktiver Sauerstoffspezies und die Freisetzung von Stickstoffmonoxid durch Makrophagen aus. Über diese Mechanismen können auch zytotoxische Prozesse und die Antikörperantwort moduliert werden, was zu einer Verschiebung des Immungleichgewichts beiträgt und speziell bei autoimmunen Erkrankungen therapeutisch durchaus einsetzbar ist (3).

Korrektur epidermaler Lipiddefekte

Ein weiterer Ansatzpunkt betrifft die Hautbarriere. Bei entzündlichen Dermatosen wie z.B. der caninen atopischen Dermatitis lassen sich Veränderungen der epidermalen Lipidzusammensetzung nachweisen, die mit erhöhter transepidermaler Wasserverlustrate (TEWL) und gesteigerter Hauttrockenheit einhergehen. Da Ceramide, insbesondere das linolsäurehaltige Ceramid-1 eine zentrale Rolle für die Barrierefunktion spielen, ist die Zufuhr von Omega-6-Fettsäuren wie LA von besonderem Interesse. Die Futtersupplementierung kann in die epidermalen Lipide eingebaut werden und die Barrierefunktion stabilisieren. Dies verbessert nicht nur die Hydratation, sondern reduziert auch die Empfindlichkeit gegenüber sekundären Irritationen und Allergenen, was speziell für Atopiker von hohem Wert sein kann (3).

Klinische Relevanz

Interessanterweise korreliert die klinische Besserung bei Hunden und Katzen nicht immer direkt mit Plasmakonzentrationen, oder der Fettsäurewerte in der Haut (2). Dies deutet darauf hin, dass der therapeutische Effekt nicht allein durch die Höhe der Fettsäurekonzentration, sondern die Effektivität auch vom Einzelpatienten abhängig ist. Die Effektivität hängt zudem vom Verhältnis der n‑6- zu n‑3-Fettsäuren ab; ein ausgewogenes Verhältnis von etwa 5:1 bis 10:1 wird als besonders vorteilhaft angesehen.

Bei Katzen muss ein spezieller biochemischer Aspekt berücksichtigt werden: Sie besitzen nur eine sehr geringe bis keine Aktivität der Delta‑6-Desaturase, einem Enzym, das für die Umwandlung pflanzlicher n‑3- Fettsäuren wie α-Linolensäure in die biologisch aktiven langkettigen EPA und DHA notwendig ist. Daher sind pflanzliche Quellen für Katzen nur eingeschränkt nutzbar, da die Umwandlung ineffizienter erfolgt und die gewünschten entzündungsmodulierenden Effekte weitgehend ausbleiben. Quellen wie Fischöl, Algenöl, Borretsch- oder Nachtkerzenöl sind nützlich.

Darüber hinaus sind ganz anders als beim Menschen Öle wie Oliven- und das extrem viel umworbene Kokosöl für die dermatologische Supplementierung von Kleintieren kaum geeignet. Sie bestehen überwiegend aus einfach ungesättigten Omega‑9-Fettsäuren, die weder in entzündungshemmende Eicosanoide umgewandelt werden können noch das n‑6 : n‑3-Verhältnis günstig beeinflussen. Ein hoher Anteil an Omega‑9 kann somit die Wirkung der PUFAs abschwächen und die entzündungsmodulierende Kapazität der Supplementation verringern. Wie vielfach in der Tiermedizin bestätigt, sind Haustiere eben keine kleinen Menschen.

Langkettige, mehrfach ungesättigte Fettsäuren aus Fischöl oder hochwertigen Borretsch-, Nachtkerzen-, oder Algenpräparaten sind dagegen deutlich besser geeignet, da sie direkt in die Hautphospholipide eingebaut werden können, die Membranfluidität erhöhen, die Ceramidbildung fördern und die Synthese entzündungshemmender Eicosanoide begünstigen können.

Die klinische Evidenz deutet darauf hin, dass die therapeutische Wirkung von PUFAs dosisabhängig ist und optimal erzielt wird, wenn ausreichend EPA und DHA zur Verfügung stehen. Dabei ist der direkte Einbau in die Haut entscheidend für die langfristige Wirksamkeit, da Plasmaspiegel nur kurzfristig die Aufnahme und Wirkung widerspiegeln. In der Tierdermatologie hat man sich international auf eine Dosis von mindestens 50 mg (EPA + DHA) pro kg Körpergewicht pro Tag für Hunde und Katzen geeinigt.

Anwendungsbeispiele in der Praxis

PUFAs erzielen in der Kleintierdermatologie ein breites Wirkungsspektrum und lassen sich nahezu bei allen Hautpatienten einsetzen, um die Hautgesundheit mild und vielseitig zu unterstützen. Sie lassen sich nicht nur klassischerweise zur Linderung von Entzündungen und zur Stabilisierung der Hautbarriere bei allergischen Erkrankungen einsetzen, sondern auch bei Verhornungsstörungen wie Ichthyose oder Seborrhoe. Hier unterstützt die gezielte Zufuhr von PUFAs die Interzellulärlipidmatrix, stärkt die epidermale Barriere, reduziert den TEWL und verringert Schuppenbildung sowie Hauttrockenheit.

Bei Sebadenitis, einer Erkrankung, bei der die Talgdrüsen zerstört werden, können PUFAs die Integration von Lipiden in die Haut erleichtern, die Hydratation erhöhen und die Keratinisierung unterstützen. In Kombination mit gezielter äußerlicher Pflege lassen sich so die klinischen Symptome häufig deutlich verbessern, während die Notwendigkeit immunsuppressiver Therapien idealerweise reduziert werden kann.

Auch bei der Symmetrischen Lupoiden Onychomadese (früher Onychodystrophie), Pemphigus foliaceus oder Lupus erythematodes, können PUFAs ihre Wirkung auf mehreren Ebenen entfalten. Durch die Modulation der Eicosanoidproduktion und die Reduktion proinflammatorischer Zytokine können sie dazu beitragen, überschießende Immunreaktionen zu dämpfen.

Darüber hinaus können PUFAs bei Fellwachstumsstörungen, wie Alopezie X, Farbmutanten-Alopezie oder saisonaler Flankenalopezie unterstützend eingesetzt werden. Durch die Stabilisierung der epidermalen Lipidbarriere kann die Umgebung der Haarfollikel hydratisiert und somit optimiert werden, wodurch sich die Regeneration des Fells fördern und strukturelle Defekte reduziert werden können. Diese Effekte lassen sich besonders bei langfristiger Supplementierung (mindestens über drei Monate) beobachten.

Fazit für die Praxis

PUFAs sind in der Veterinärdermatologie weit mehr als ein Kalorienlieferant. Sie können gezielt entzündliche Prozesse modulieren, die epidermale Hautbarriere stärken und die Immunantwort der Haut beeinflussen. Eine ausgewogene Zufuhr von Omega-3- und Omega-6-Fettsäuren kann die Wirksamkeit medikamentöser Therapien unterstützen, insbesondere bei chronischen, immunmediierten oder schwer verlaufenden Hauterkrankungen. Für die Praxis bedeutet dies: PUFAs sind ein wertvoller Baustein in multimodalen Therapieansätzen und können nachhaltig zur Verbesserung der Hautgesundheit und Lebensqualität von Hund und Katze beitragen. Eine langfristige Gabe und somit gute Besitzercompliance stehen hier - wie immer in der Tierdermatologie - im Vordergrund.

Referenzen

  • 1. Mueller RS, Fieseler KV, Fettman MJ, Zabel S, Rosychuk RA, Ogilvie GK, Greenwalt TL. Effect of omega-3 fatty acids on canine atopic dermatitis. J Small Anim Pract 2004; 45: 293-297.
  • 2. Mueller RS, Fettman MJ, Richardson K, Hansen RA, Miller A, Magowitz J, Ogilvie GK. Plasma and skin concentrations of polyunsaturated fatty acids before and after supplementation with n-3 fatty acids in dogs with atopic dermatitis. Am J Vet Res 2005; 66: 868-873.
  • 3. Olivry T, Marsella R, Hillier A. The ACVD task force on canine atopic dermatitis (XXIII): are essential fatty acids effective? Vet Immunol Immunopathol 2001; 81: 347-362.