Ästhetik auf Kosten der Funktion - Wie Plattnasen aus ophthalmologischer Sicht leiden

Das klassische Brachycephalensyndrom bei Hunden umfasst vorwiegend Veränderungen der oberen Atemwege, aber auch andere Organsysteme bleiben nicht verschont. So leiden betroffene Hunderassen zu einem erhöhten Prozentsatz zusätzlich an schweren Allergien, chronischen Magendarmerkrankungen, Dystokien und Bandscheibenvorfällen aufgrund von teilweise multiplen Keilwirbeln. Von ebenso großer klinischer Relevanz sind die Augen: Die Kombination aus flacher Orbita, Makroblepharon und Lagophthalmus schafft ideale Voraussetzungen für eine übermäßige Exposition der Hornhaut. Tatsächlich ist das okuläre Brachycephalensyndrom bei weitem kein seltenes Randphänomen, sondern gehört zum klinischen Alltag der Veterinärmediziner:innen.

Wer meint, dass allein der Mensch unter dem Diktat der Ästhetik steht und teilweise darunter leidet, irrt. Auch in der Veterinärmedizin zeigen sich die Nebenerscheinungen bestehender Schönheitsideale, besonders eindrucksvoll beim sog. Brachycephalensyndrom. Was zunächst nach einem einheitlichen Krankheitsbild klingt, ist in Wirklichkeit ein multifaktorielles Syndrom mit weitreichenden anatomischen und funktionellen Konsequenzen. Betroffen sind kurzköpfige Hunderassen wie Mops, Bulldoggen oder Shih Tzu - Rassen, deren auffällig runder Schädel, kurze Schnauze und große Augen von vielen aufgrund des erfüllten Kindchenschemas als besonders „niedlich“ empfunden werden, für die betroffenen Hunde jedoch mit erheblichen Einschränkungen einhergehen.

Brachycephalensyndrom

Das klassische Brachycephalensyndrom umfasst Veränderungen der oberen Atemwege, wie Stenosen der Nasenöffnungen, ein verlängertes und verdicktes Gaumensegel, Hypoplasie der Trachea und evertierte Larynxtaschen. Doch obwohl die Veränderungen der Atemwege, welche zu einem großen Prozentsatz mit den klassischen Schnarch-, Schnief- und Schnaubgeräuschen einhergehen, am meisten auffallen, leiden diese Tiere an weit mehr als einem rein respiratorischen Problem. Auch andere Organsysteme bleiben nicht verschont. So leiden besagte Rassen zu einem erhöhten Prozentsatz zusätzlich an schweren Allergien, chronischen Magendarmerkrankungen, Dystokien und Bandscheibenvorfällen aufgrund von teilweise multiplen Keilwirbeln.

Von ebenso großer klinischer Relevanz sind die Augen. Die Kombination aus flacher Orbita, Makroblepharon und Lagophthalmus schafft ideale Voraussetzungen für eine übermäßige Exposition der Hornhaut, ein Zustand, den Lionel Sebbag und Rick Sanchez in ihrem Review treffend als „Pandemie der okulären Oberflächenerkrankungen“ beschrieben haben. Tatsächlich ist das okuläre Brachycephalensyndrom („Brachycephalic Ocular Syndrome“, BOS) bei weitem kein seltenes Randphänomen, sondern gehört zum klinischen Alltag.

Ophthalmologische Besonderheiten - Anatomie

Schädelform. In der Hundewelt unterscheidet man zwischen lang-, mittel- und kurzköpfigen Rassen: Dolichocephale wie der Windhund mit langem, schmalem Schädel, mesocephale („mittlerer Kopfform“) und eben brachycephale („kurzköpfige“) Hunde, bei denen der Schädel stark verkürzt mit entsprechend breiter Gesichtspartie ist. Diese brachycephale Morphologie zielt auf eine „menschlichere“ Optik ab und bringt dadurch anatomische Besonderheiten mit sich, die sich auch funktional äußern.

Die Zucht auf das Merkmal der Brachycephalie brachte eine sehr stark ausgeprägte Abflachung der Orbita mit sich, wodurch der Bulbus nicht mehr ausreichend von den knöchernen Strukturen geschützt ist. Man spricht von einem „physiologischen“ Exophthalmus, wobei man natürlich weit von einem gesund-physiologischen Zustand entfernt ist. Der gewollte optische Effekt: besonders große Kulleraugen. Die dadurch entstehende bilaterale Exotropie (auswärtsschielen) mancher Tiere wird von den Züchter:innen billigend in Kauf genommen. Durch den weggezüchteten knöchernen Nasenrücken bildet sich eine mehr oder weniger prominente Hautfalte, die dazu führen kann, dass die Haare in direktem Kontakt zur Hornhaut stehen, der Nasenfaltentrichiasis. Bei sehr stark brachycephalen Tieren ist dies ein großer Risikofaktor für rezidivierende Hornhautulzera. Spannend: Nicht jeder Hund mit kurzem Schädel hat automatisch eine Nasenfalte. Während Boston Terrier und Affenpinscher zum Beispiel trotz Brachycephalie selten Probleme haben, leiden umgekehrt Shar Peis oder Chow Chows als mesocephale Rassen, die aber durch ihre generell überreiche Hautfaltenausstattung trotzdem eine markante Nasenfalte aufweisen, oft dennoch an einer Nasenfaltentrichiasis. Auch der Tränennasenkanal weist durch die unphysiologische Kürze des Nasenrückens einen unphysiologisch gestauchten und dadurch häufig afunktionellen Verlauf auf.

Lidanomalien. Ein typisches Merkmal brachycephaler Hunde ist ihre zu große Lidspalte (Makroblepharon), die die Abmessung von physiologisch durchschnittlichen 3,2 cm häufig deutlich übersteigt. In Kombination mit dem bereits beschriebenen Exophthalmus ist das hinsichtlich der Entstehung von Augenoberflächenerkrankungen natürlich eine sehr ungünstige Kombination. Eine Studie [2] definierte bereits ein dreifach erhöhtes Risiko für Hornhautulzera durch eine nur 10 % vergrößerte Lidspalte. Ebenso steigt mit zunehmendem Exophthalmus und Makroblepharon das Risiko für einen Bulbusprolaps.

Die prominente Nasenfalte ist nicht der einzige Grund für eine Trichiasis am Auge. Eine weitere mögliche Auffälligkeit bei Brachycephalie ist die Entstehung eines nasalen Unterlidentropiums. Diese wird besonders häufig diagnostiziert bei Möpsen und Shih Tzus, gewisse Studien sprechen von einer Prävalenz von 100 %, und wird verursacht durch ein zu straffes nasales Kanthusligament, in Kombination mit dem Makroblepharon. Auch dieser Tatbestand führt bei betroffenen Rassen zu chronischen Irritationen der Augenoberfläche bis hin zu Ulzerationen, sowie einer zusätzlichen Einschränkung der Funktion des Tränennasenganges, einer dauerhaften Epiphora und folglich einer (starken) Dermatitis der Nasenfalte.

Haare & Wimpern. Eine weitere häufige Ursache chronischer Reizungen der Augenoberfläche bei brachycephalen Hunden sind fehldisponierte Haare unterschiedlicher Stärke und Länge im periokulären Bereich.

Karunkeltrichiasis. Bei einigen kurzköpfigen Vertretern ist die Karunkel (Schleimhautfalte am inneren Augenwinkel) behaart. Neben einer mechanischen Irritation spielt hier auch der kapillare Effekt eine Rolle, denn eine dadurch entstehende Dochtwirkung führt den Tränenfilm in Richtung des nasalen Kanthus ab und kann bei stärkerer Ausprägung zu chronischer Epiphora, Tränenstraßenbildung und reaktiver Dermatitis führen.

Distichien. Distichien entstehen aus ektopisch angelegten Haarfollikeln innerhalb der Tarsalplatte und wachsen entlang der Meibom´schen Drüsen durch den Lidrand nach außen. Je nach Krümmung, Länge und Stärke der Haare kommt es zu intermittierendem oder dauerhaftem Kontakt mit der Hornhaut, was ebenfalls zu oberflächlichen Reizungen bis hin zu Ulzerationen führen kann.

Ektopische Zilien. Ektopische Zilien wachsen im Unterschied zu Distichien aus der palpebralen Bindehaut im 90°-Winkel direkt zur Hornhaut hin und stellen so eine erhebliche mechanische Belastung dar. Beide Veränderungen führen entweder durch direkten Kontakt oder durch Beeinträchtigung der Tränenfilmverteilung zu einem stark erhöhten Risiko für teilweise tiefe Ulzerationen und Schmerzen am betroffenen Auge.

Hornhautinnervation. Bei brachycephalen Hunderassen konnte eine signifikant reduzierte Nervendichte der Hornhaut nachgewiesen werden, die je nach Ausprägung eine 50–93 % reduzierte Sensitivität der Hornhaut im Vergleich zu meso- oder dolichocephalen Rassen bedingt. Diese Hypoästhesie hat ebenfalls weitreichende funktionelle Konsequenzen: Zum einen wird die Blinzelfrequenz durch den verringerten sensorischen Reiz reduziert, was die Verteilung des Tränenfilms deutlich verschlechtert und zu einer mangelversorgten Hornhautoberfläche führt, sowie die Vulnerabilität gegenüber äußeren Reizen erhöht. Zum anderen führt die herabgesetzte Reizwahrnehmung zu einer verminderten reflektorischen Tränenproduktion, wodurch sich das Risiko der Entstehung einer Keratoconjunctivitis sicca und damit assoziierten Hornhauterkrankungen deutlich erhöht.

Brachycephale Hunde stellen in der ophthalmologischen Fachpraxis daher die häufigste Patientengruppe mit Hornhautulzera dar. Gleichzeitig zeigt sich, dass solche Läsionen langsamer abheilen, was durch die Kombination aus trockener, unterversorgter Hornhaut und verminderter Symptomwahrnehmung erklärbar ist. Somit werden diese Hunde durchschnittlich später in der Praxis vorgestellt, was das Risiko für sekundäre Infektionen und Komplikationen erhöht. Diese Beeinträchtigungen wirken sich zusätzlich bei systemischen Grunderkrankungen, insbesondere einem Diabetes mellitus, negativ aus, da hier bereits eine Basistendenz zur Tränenfilmstörung vorliegt. Auch im Rahmen ophthalmologischer Eingriffe, wie Kataraktoperationen oder chirurgischen Therapiemaßnahmen beim Glaukom, ist das Risiko für postinterventionelle Komplikationen durch einen instabilen Tränenfilm bei brachycephalen Tieren deutlich erhöht.

Limbusepithel. Bei brachycephalen Hunden ist das Limbusepithel im nasalen und temporalen Bereich im Vergleich zu normocephalen Vertretern deutlich dünner ausgebildet. In Kombination mit einem physiologischen Exophthalmus und der typischerweise vorhandenen bilateralen Exotropie sind gerade diese strukturell vulnerablen Areale vermehrt Umweltreizen ausgesetzt. Die am wenigsten widerstandsfähigen Abschnitte der Hornhaut werden somit funktionell am stärksten beansprucht, was die Prädisposition für Läsionen in diesen Regionen und die vergleichsweise schlechte Heilungstendenz klinisch zusätzlich nachvollziehbar macht.

Ophthalmologische Besonderheiten - Pysiologie

Blinzeln. Bei brachycephalen Hunden ist der Lidschluss häufig unvollständig (Lagophthalmos), was auf den Exophthalmus, das Makroblepharon und die reduzierte Sensorik zurückzuführen ist. Des Weiteren ist die Blinzelfrequenz durch die reduzierte Sensorik der Augenoberfläche reduziert. Die Folge kann eine Expositionskeratitis unterschiedlichen Schweregrades sein, die selbst ohne Ulzerationen zu sekundären Veränderungen wie Pigmentierung oder Vaskularisationen führen kann und im schlimmsten Fall zu deutlichen Sehbeeinträchtigungen oder dem Verlust des Augapfels.

Tränenfilm. Bei brachycephalen Rassen liegt der Tränenfluss gemäß Schirmer-Test durchschnittlich etwa 14 % unter dem Wert von nicht-brachycephalen Hunden. Eine plausible Erklärung hierfür ist die bereits beschriebene verminderte Hornhautsensibilität, wodurch der afferente Reiz zur Tränensekretion abgeschwächt ist. Der in der Humanmedizin von A. Gupta und Mitarbeitern diskutierte Einfluss der nasalen Atmung bzw. Stimulation der nasalen Mukosa wird aufgrund der Atmungsinsuffizienz durch das „Brachyzephale obstruktive Atemwegssyndrom“ (BOAS) zwar diskutiert, belastbare Studien dazu fehlen jedoch bislang [3]. Neben dem serösen Anteil weisen auch die Muzinschicht und die Lipidschicht des Tränenfilms bei brachycephalen Hunden funktionelle Defizite auf, was die Stabilität des Tränenfilms zusätzlich beeinträchtigt.

Alterung der Augenoberfläche. Statistisch erhöht sich das Risiko für Tränenfilmstörungen pro Lebensjahr um etwa 10%, was die Entstehung einer quantitativen Keratoconjunctivitis sicca angeht, und um bis zu 20% hinsichtlich qualitativer Defizite, die meist die Lipidschicht betreffen. Aus der Humanmedizin weiß man, dass das Alter einen Einfluss auf die Homöostase der okulären Oberfläche hat und alle drei Tränenfilmkomponenten betrifft [4]. Auch bei Hunden scheint dieser Zusammenhang zu bestehen, wenn auch Uneinigkeit in der Literatur besteht. In Bezug auf brachycephale Hunde besteht jedoch Konsens darüber, dass eine altersassoziierte Verschlechterung der okulären Schutzmechanismen die bestehenden anatomisch-funktionellen Einschränkungen weiter verstärkt. Gleichzeitig betonen die Autoren entsprechender Studien jedoch, dass noch differenziertere Studien erforderlich sind, um die Auswirkungen des Alters unabhängig vom Rassetyp zu beurteilen.

Resultierende Erkrankungen der Augenoberfläche

Trockenes Auge. Das trockene Auge stellt eine der häufigsten okulären Erkrankungen bei brachycephalen Hunden dar. Durch den instabilen oder insuffizienten Tränenfilm entsteht eine chronische Entzündung der Augenoberfläche, die sich in einer Hyperämie, Chemosis und typischen Hornhautveränderungen wie einer Pigmentierung, Fibrosierung oder einem Ödem und oberflächlicher Vaskularisation manifestiert. Der typische hochgradig visköse, mukopurulente Ausfluss ist nahezu pathognomonisch, der Verdacht wird mittels Schirmer-Tränentest (STT) bestätigt.

Aufgrund der Rasseprädisposition sind routinemäßige Screenings bei der jährlichen Gesundheitskontrolle äußerst sinnvoll. Besonders häufig sind Spaniel-Rassen, Mops, Englische Bulldogge und West Highland White Terrier von einer Keratoconjunctivitis sicca betroffen. In der Literatur wird ein biphasisches Auftreten mit einem erhöhten Ulkusrisiko als akute Verlaufsform bei jungen, meist männlichen Tieren beschrieben. Ein chronisch-progredienter Verlauf im Alter tritt insbesondere bei weiblichen Tieren auf. Letzterer ist in der Regel nicht ulzerativ. Weitere diagnostische Schritte zur Aufarbeitung einer Tränenfilmveränderung bieten die Tränenfilmaufrisszeit bzw. die Lipid-Layer-Interferometrie, sowie die Meibografie.

Ulzerative Keratitis. Die ulzerative Keratitis („Hornhaut Ulcus“) kann einen bleibenden Rückgang des Visus durch Fibrosierung und Pigmentierung mit sich bringen oder im Extremfall zur Perforation der Hornhaut führen. Die bereits erwähnte Studie zur Lidspaltenweite (verdreifachtes Risiko bei 10%iger Vergrößerung der Lidöffnung) wird durch eine weitere, britische Studie ergänzt, in der über 100.000 Hunde evaluiert wurden, davon 834 mit Hornhautulzera [5]. Brachycephale Hunde weisen eine OR von über 11 auf, verglichen mit Mischlingen. Zum Vergleich: Bei Spaniel-Rassen lag die OR bei ungefähr bei 3, bei reinrassigen Hunden allgemein bei 2. Die höchste Prävalenz wiesen Möpse (5,4 %), Boxer (5,0 %), Shih Tzus (3,5 %), Cavalier King Charles Spaniels (2,5 %) und Bulldoggen (2,4 %) auf. Weitere Studien beschreiben eine Überrepräsentation brachycephaler Rassen bei chirurgischen Eingriffen an der Hornhaut infolge von Ulzera.

Pigmentkeratitis. Die Pigmentkeratitis ist eine progrediente Erkrankung, die klar auf Merkmale des okulären Brachycephalensyndroms zurückzuführen ist und bei einer intakter Anatomie vollständig vermeidbar wäre. Charakteristisch ist eine zentrale, den Visus einschränkende Pigmentierung, die unbehandelt bis zur vollständigen funktionellen Erblindung führen kann. Häufig liegen zusätzlich vaskuläre, fibrotische und ödematöse Veränderungen vor, sichtbare Schmerzen bestehen meist keine. Initial ist häufig ein nasaler, spiralförmiger Pigmenteintrag zu erkennen. Studien belegen Prävalenzen zwischen 70 und 90 % bei Möpsen. Eine kausale Therapie existiert bisher nicht, wobei einzelne Arbeiten eine Kryotherapie pigmentierter Areale diskutieren, wenn auch bislang ohne belastbare Evidenz. Der Fokus liegt daher auf der frühen chirurgischen Korrektur prädisponierender Faktoren (nasales Entropium, Makroblepharon) zur Progressionsvermeidung.

Nickhautdrüsenprolaps. Der Vorfall der Nickhautdrüse („Cherry Eye“) basiert auf einer als genetisch bedingt vermuteten Bindegewebsschwäche. In einer retrospektiven Studie an über 900.000 Hunden lag die Prävalenz bei zirka 0,2 % [6]. Neben Brachycephalen (z. B. Englische Bulldogge, Lhasa Apso) wiesen auch einzelne molossoide Rassen (Cane Corso, Mastino Napoletano) eine deutlich erhöhte Prävalenz auf (OR 15–33 %). Die Erkrankung betrifft somit nicht ausschließlich brachycephale Typen, ist jedoch bei diesen Rassen überdurchschnittlich häufig.

Bulbusprolaps. Bereits geringe traumatische Einwirkungen können bei brachycephalen Hunden zu einem Bulbusprolaps führen. Die Zeit bis zur Reposition entscheidet über die Prognose: Je früher die Reposition erfolgt, desto besser die Chance auf Erhalt der Sehfunktion, wenn auch die allgemeine Prognose vorsichtig gestellt werden muss. Folgekomplikationen können eine verstärkte Exotropie, eine KCS, Blindheit oder, bei Ruptur von mehr als zwei okulären Muskeln, eine Phthisis bulbi (Schrumpfauge) sein. Die für den Prolaps erforderliche Krafteinwirkung ist bei brachycephalen Rassen deutlich geringer. Im Gegenzug haben sie nachweislich eine bessere Prognose als normocephale Hunde, was mutmaßlich auf die geringere initiale Traumaintensität zurückzuführen ist.

Gute ophthalmologische Betreuung schon im jungen Alter nötig

Die Vielzahl anatomischer und physiologischer Besonderheiten bei brachycephalen Hunden verdeutlicht die Notwendigkeit einer guten ophthalmologischen Betreuung, idealerweise bereits im jungen Alter. Zahlreiche Erkrankungen der Augenoberfläche verlaufen bei manchen Individuen zunächst subklinisch oder werden erst spät erkannt, obwohl frühzeitige Interventionen nicht nur die Prognose verbessern, sondern auch einen erheblichen Beitrag zur Lebensqualität der betroffenen Tiere leisten. Wichtig ist dabei, dass nicht alle brachycephalen Hunde gleich stark betroffen sind. Rassezugehörigkeit, individuelle Ausprägung der Kopfanatomie und funktionelle Faktoren (z. B. Lidstellung, Tränenproduktion, Hornhautsensibilität) bedingen eine große Variabilität im klinischen Erscheinungsbild. Während bestimmte Rassen wie der Mops, die Englische oder Französische Bulldogge besonders häufig erkranken, zeigen andere brachycephale Rassen deutlich weniger ausgeprägte Auffälligkeiten.

Solange sich die Zuchtpraxis und die Rassestandards nicht nachhaltig an gesundheitlichen Kriterien orientieren, liegt es in der Verantwortung der Tierhalter:innen, sich über Besonderheiten ihrer Rasse zu informieren, sowie der behandelnden Tierärzt:innen, Hundehalter:innen umfassend zu beraten. Dazu gehört insbesondere der Hinweis auf frühzeitige, präventive Maßnahmen, wie etwa:

  • regelmäßige Anwendung von konservierungsmittelfreien, viskösen Tränenersatzprodukten
  • Aufbau von Medical Training bereits im Junghundealter, um die Tiere an das Verabreichen von Augentropfen, das Scheren der Augenregion und die sanfte Reinigung der Augen zu gewöhnen.

Durch gezielte Aufklärung, regelmäßige Kontrollen und ein proaktives Management lassen sich viele Probleme vermeiden oder zumindest frühzeitig erkennen und behandeln. Doch bei all dem darf man nicht müde werden, die Grundproblematik an ihrer Wurzel anzupacken: Wer Tiere liebt, sollte ihre Bedürfnisse über sein ästhetisches Empfinden stellen. Solange die Nachfrage nach extremen Rassen besteht, wird weiterhin auf Kosten ihrer Gesundheit gezüchtet. Ein proaktives Management hilft, doch der wirkliche Wandel beginnt mit der Entscheidung, solche Qualzuchten nicht weiter zu unterstützen.

Literatur

  1. Sebbag L, Sanchez RF (2023) The pandemic of ocular surface disease in brachycephalic dogs: The brachycephalic ocular syndrome. Vet Ophthalmol 26: 31–46
  2. Packer RMA, Hendricks A, Burn CC. Impact of facial con formation on canine health: corneal ulceration. PLoS One. 2015;10(5)
  3. Gupta A, Heigle T, Pflugfelder SC (1997) Nasolacrimal stimulation of aqueous tear production. Cornea. 16: 645–648
  4. Gipson IK (2013) Age-related changes and diseases of the ocular surface and cornea. Invest Opthalmol Vis Sci 54: ORSF 48–53
  5. O'Neill DG et al (2017) Corneal ulcerative disease in dogs under primary veterinary care in England: epidemiology and clinical management. Canine Genet Epidemiol 4:(1)
  6. O'Neill DG et al (2022) Breed and conformational predispositions for prolapsed nictitating membrane gland (PNMG) in dogs in the UK: a VetCompass study. PloS One 17: e0260538