ESCCAP-Empfehlungen: Babesiose beim Hund
Georg von Samson-Himmelstjerna, Berlin, & Matthias Steigerwald, Köln
Die Babesiose ist eine von Einzellern aus der Gattung Babesia hervorgerufene Infektionskrankheit, die von Zecken übertragen wird. Sie betrifft vor allem Hunde. Die Parasiten befallen die Erythrozyten ihrer Wirte und zerstören sie, ähnlich wie es die Malaria-Erreger (Plasmodien) beim Menschen tun. Wie die Krankheit übertragen, diagnostiziert und behandelt wird, wird in diesem Beitrag behandelt.
Die Babesiose ist eine parasitäre Erkrankung, die von verschiedenen Protozoen aus der Gattung Babesia hervorgerufen wird – in Mitteleuropa beim Hund vor allem von Babesia canis. Sie wird durch Zecken übertragen, in Deutschland durch die Wiesenzecke (Dermacentor reticulatus). Außerdem ist eine Übertragung über Transfusionen mit dem Blut infizierter Tiere möglich. Bei einer ausreichend langandauernden Blutmahlzeit (üblicherweise 24 Stunden oder mehr, unter Umständen aber auch nur wenige Stunden) gelangen über die Speicheldrüsen der Zecken Sporozoiten mit dem Speichel in den Wirt, die Erythrozyten infizieren und sich dort zu Merozoiten weiterentwickeln. Diese zerstören nach einer ungeschlechtlichen Vermehrung beziehungsweise äußeren Knospung die Erythrozyten und können anschließend neue Blutzellen befallen.
Bei einer Blutmahlzeit an einem infizierten Wirt können Zecken unreife Stadien des Parasiten aufnehmen. In der Zecke vermehren sich die Babesien sexuell und bilden nach mehreren Entwicklungsschritten wiederum infektiöse Sporozoiten in den Speicheldrüsen. Da die Babesien alle Organe der Wirtszecken befallen, bleiben sie über verschiedene Entwicklungsstadien (transstadial) erhalten. Bei einigen Babesia-Arten, etwa B. canis, können zudem die Eier der Zeckenweibchen infiziert werden (transovariale Übertragung), sodass bereits die schlüpfenden Zeckenlarven infiziert sind (vertikale Übertragung).
Früher war die Krankheit vor allem in südlichen Teilen Europas verbreitet und galt als „Reisekrankheit“. Vermutlich unter anderem durch den Klimawandel begünstigt, hat sich das regionale Vorkommen der Überträgerzecke D. reticulatus in den letzten 10–15 Jahren in Deutschland zunehmend ausgeweitet. Gleichzeitig führen der Import von mit B. canis infizierten Hunden aus den ursprünglichen Verbreitungsgebieten und die vermehrte Reiseaktivität mit dem Haustier in Risikogebiete dazu, dass die Babesiose inzwischen in Mitteleuropa immer häufiger vorkommt. Dies trifft auch auf Deutschland zu, wo zuletzt vor allem im Berliner/Brandenburger Raum sowie in Hessen, Baden-Württemberg und Bayern vermehrt autochthone B.-canis-Infektionen beobachtet wurden.
Symptome: Vom Fieber bis zum akuten Notfall
Die Babesiose verläuft beim Hund unterschiedlich – von unauffällig bis lebensbedrohlich, wobei die Symptome maßgeblich von der Virulenz des Erregers und der Schwere des Krankheitsverlaufs abhängen. Weitere Faktoren wie das Alter des betroffenen Tiers oder mögliche Begleiterkrankungen spielen ebenfalls eine Rolle. Bei akuten Verläufen beginnt die Erkrankung häufig mit hohem Fieber (bis 42 °C), gefolgt von Appetitlosigkeit, Antriebslosigkeit und Gewichtsverlust. Hinzu kommen die Folgen der Zerstörung der Erythrozyten:
- Anämie
- Ikterus
- Hämoglobinurie
Weitere mögliche Symptome sind Blutungen in Haut und Schleimhäuten, Ödeme, Aszites sowie gegebenenfalls neurologische Ausfälle. In schweren Fällen kommt es zu Nierenversagen oder Schock. Chronische Verläufe zeigen sich meist schleichender, etwa mit Schwäche, Gewichtsverlust und blasser Schleimhaut.
Diagnose: Genauigkeit ist entscheidend
Um eine wirksame Therapie einleiten zu können, ist es wichtig, die spezifische Infektion zu bestätigen und die jeweilige Babesien-Art zu identifizieren. Drei Methoden spielen hierbei eine zentrale Rolle:
1. Mikroskopische Untersuchung
Ein Giemsa- oder Diff-Quick-gefärbter Blutausstrich mit Kapillarblut (z. B. aus der Ohrmuschel) erlaubt den direkten Nachweis der Erreger. Diese Methode eignet sich gut bei akuten Fällen, ist jedoch bei chronischem Verlauf oft aufwendig, weil es die geringe Anzahl der Erreger dann notwendig macht, den Ausstrich lange und gründlich zu untersuchen. Ein Nachweis der Merozoiten in Erythrozyten beweist eine Babesiose, ein negativer Befund schließt die Erkrankung jedoch nicht aus.
2. Polymerase-Kettenreaktion (PCR)
Die molekulare Diagnostik per PCR, bei der die DNA der Erreger vervielfältigt und nachgewiesen wird, hat auch bei geringer Erregerdichte (z. B. bei chronischen Verläufen) eine hohe Sensitivität. Zudem unterscheidet sie zwischen verschiedenen Babesien-Arten, was für die Auswahl der Therapie wichtig sein kann. Falsch-negative Ergebnisse sind jedoch möglich.
3. Serologie (Antikörpernachweis)
Antikörper gegen Babesien lassen sich mit Immun-Fluoreszenz-Antikörpertests (IFAT) oder Enzyme-Linked Immunosorbent Assays (ELISA) frühestens zwei Wochen nach Infektion nachweisen. Sie eignen sich somit bei chronischen Infektionen oder wenn die Ansteckung bereits länger zurückliegt. Ein negatives Ergebnis könnte bei einer akuten Erkrankung aber darauf zurückzuführen sein, dass es noch keine nachweisbaren Antikörper gibt, und schließt eine Infektion entsprechend nicht aus. Die Nachweisverfahren unterscheiden zudem nicht zwischen Antikörpern, die gegen eine natürliche Infektion gebildet wurden, und solchen, die durch eine Impfung (in Deutschland derzeit nicht zugelassen) entstanden sind. Entsprechend erlauben sie bei geimpften Tieren keine sichere Aussage, ob sie infiziert sind oder nicht.
Behandlung: Schnelles Handeln kann Leben retten
Die Therapie der Babesiose sollte schnellstmöglich eingeleitet werden, um schwere Komplikationen zu vermeiden. Der wichtigste Wirkstoff zur Behandlung bei B.-canis-Infektionen ist Imidocarb-Dipropionat, das in Deutschland zwar nicht zugelassen ist, aber unter bestimmten Bedingungen importiert werden darf. In einer jüngeren Untersuchung wurde eine Imidocarb-Resistenz bei B. canis vermutet, eine Bestätigung steht jedoch noch aus. Mögliche Ausweich-Wirkstoffe sind beispielsweise Atovaquon oder Azithromycin. Außerdem empfiehlt es sich, den Behandlungserfolg mittels PCR-Untersuchung zu kontrollieren.
Die Behandlung mit Imidocarb erfolgt als Injektion (5–6 mg/kg, subkutan oder intramuskulär) mit Wiederholung nach zwei Wochen. Häufige Nebenwirkungen wie Hypersalivation, Diarrhoe, Tachykardie oder Tachypnoe lassen sich gegebenenfalls durch die Gabe von Atropin (0,02–0,04 mg/kg subkutan) kurz vor oder 30 Minuten nach der Injektion von Imidocarb mildern. Je nach Verlauf ist eine unterstützende Therapie hilfreich beziehungsweise notwendig, z. B. Infusionen zur Rehydrierung oder Bluttransfusionen bei starker Anämie.
Für Infektionen mit selteneren Erregern wie Babesia gibsoni oder B. annae ist die Therapie deutlich schwieriger. Hier kommen Medikamente wie Doxycyclin (10 mg/kg p. o. täglich über 4 Wochen), Pentamidin (16,5 mg/kg i. m. einmal täglich über 2 Tage) oder Phenamidin-Isothionat (15–20 mg/kg s. c. einmal täglich über 2 Tage) zum Einsatz.
Prophylaxe: Vorbeugung schützt am besten
Die beste Maßnahme gegen Babesiose ist es, Reisen mit dem Hund in Risikogebiete zu vermeiden und bei Aufenthalt in endemischen Gebieten (die inzwischen auch in Deutschland existieren) eine konsequente Zeckenprophylaxe zu verfolgen. Dies ist beispielsweise mit folgenden Maßnahmen zu erreichen:
- Präparate mit repellierender oder die B.-canis-Übertragung verhindernder Wirkung, etwa Spot-on- oder Infektionspräparate beziehungsweise Halsbänder
- Regelmäßige Zeckenkontrollen nach Spaziergängen
Zudem gibt es in einigen europäischen Ländern Impfstoffe gegen B. canis, die schwere Krankheitsverläufe mildern können. Diese sind allerdings in Deutschland derzeit nicht zugelassen. Außerdem ist eine Chemoprophylaxe mit Imidocarb (einmalig 5–6 mg/kg subkutan oder intramuskulär, wirksam über 4 Wochen) vor Reisen in Endemiegebiete möglich, dies ersetzt aber keinen Zeckenschutz. Die Chemoprophylaxe verhindert lediglich schwerwiegende Erkrankungen. Angesichts möglicher Nebenwirkungen sollte der Nutzen dieses Vorgehens sorgfältig abgewogen werden.
Fazit: Prophylaxe, frühe Diagnostik und Behandlung retten Leben
Die Babesiose ist eine ernstzunehmende Erkrankung mit oft dramatischem Verlauf. Da sich das Verbreitungsgebiet zunehmend vergrößert, sollten Halter:innen von Hunden besonders auf Symptome achten – vor allem nach Zeckenbefall oder Auslandsaufenthalten. Eine frühe Diagnose sowie zielgerichtete Behandlung verbessern die Prognose deutlich. Besser als eine Behandlung ist jedoch eine wirksame Prophylaxe, mit der sich das Risiko für eine Babesiose erheblich senken lässt.