Antibiotikaresistenzen – unabänderliches Schicksal?
Arzneipflanzen als Chance, Antibiotikaresistenzen zu minimieren.
Cäcilia Brendieck-Worm, Niederkirchen.
Im August dieses Jahres schockierte das RKI mit großen Zahlen, hinter denen schwere Schicksale stehen: Schätzungsweise 9.600 Menschen sind 2019 allein in Deutschland direkt an einer Infektion mit antibiotisch nicht zu behandelnden bakteriellen Infektionen gestorben. Bei vermutlich 45.700 Todesfällen spielten multiresistente Infektionserreger zumindest eine Rolle [1]. 2023 wurden in Deutschland 7.500 Fälle von Infektionen mit superresistenten Darmkeimen beim Menschen gemeldet, doppelt so viele wie vor der Corona-Pandemie [2]. Bei allem Verständnis für die Notwendigkeit von Dokumentation und Datenerhebung beim Antibiotika-Einsatz und Wertschätzung für Hygienepläne und Antibiotic Stewardship-Programme [3] – es kann nicht länger nur um die Fragen gehen, ob oder wie Antibiotika einzusetzen sind, um die Resistenzentwicklung zu stoppen. Es müssen alternative antimikrobielle Therapieoptionen ihren Weg in Therapiepläne und Arzneischatz der Mediziner finden.
Das Potential der Phytotherapie bei der Infektionsbekämpfung
Antimikrobielle Wirkungen. Auch Pflanzen werden durch Mikroorganismen bedroht und haben ein breites Spektrum antimikrobiell wirksamer Substanzen entwickelt, um sich zu schützen. Allein in der europäischen Erfahrungsmedizin werden noch heute ca. 80 Arzneipflanzen zur Therapie von Infektionen eingesetzt. Aktuelle Forschung belegt die Wirksamkeit traditioneller Arzneipflanzen wie Ackerschachtelhalm, Brennnessel, Birkenblätter und Preiselbeerblätter u.a. gegen Pathogenitätsfaktoren uropathogener E. coli, wie Fimbrien- und Curli-Faserbildung, Bildung von hydrophoben Oberflächen [5].
Die Komplexität des Wirkstoffcocktails von traditionellen Arzneipflanzen macht Resistenzentwicklungen von Mikroorganismen gegen diese Multi-Target-Drogen unwahrscheinlich. Sie sind geeignet, Bagatellinfektionen effizient zu bekämpfen - bei geringer Toxizität und wenig Nebenwirkungen.
Arzneipflanzen in Kombination mit Antibiotika. Arzneipflanzen können noch mehr, z.B. Antibiotika in ihrer Wirkung optimieren, indem sie deren Resorption verbessern und Biofilmbildung der Bakterien stören. Es wurden zudem Synergien zwischen Wirkstoffen in ätherischen Ölen und Antibiotika festgestellt. Carvacrol und Thymol aus Oregano und Thymian verringerten die Resistenz von Salmonella typhimurium gegen Ampicillin, Tetracyclin, Penicillin u.a. Eine Kombination von Zimtaldehyden und Thymol verstärkte die Wirkung von Ampicillin, Tetracyclin, Penicillin u.a. gegen resistente E. coli.[6].
Mit Phytotherapeutika kann Rezidiven vorgebeugt und multiresistenten Erregern Einhalt geboten werden. Zu den pflanzlichen Wirkstoffen, die z.T. gleichzeitig gegen Bakterien, Viren und Pilze wirksam sind, gehören neben diversen ätherischen Ölen, Senfölglykoside und Saponine.
Immunsystemstärkende Wirkungen. Große Bedeutung kommt auch immunsystemstärkenden Eigenschaften von Phytotherapeutika zu. Es sind die ubiquitären, fakultativ pathogenen, opportunistischen Erreger aus der normalen Kolonisation von Haut und Schleimhaut bei Mensch und Tier, die sowohl als Reservoir für Resistenzgene fungieren, als auch im immunschwachen Organismus durch ihre Multiresistenz gefährliche Infektionen verursachen, die nur schwer oder gar nicht mehr antibiotisch therapierbar sind. Ein gestärktes Immunsystem verringert die Gefahr, durch opportunistische Erreger Schaden zu nehmen. Zur Phytotherapie von Infektanfälligkeit siehe HR 33, Dez. 2024.
Selektionsdruck mindern. Es ist hinlänglich belegt, dass der Einsatz von Arzneipflanzenzubereitungen sowohl die Anwendung von Antibiotika als auch ihre Dosis minimieren und damit die Selektion auf resistente Erreger verringern kann. Die Selektion auf Antibiotikaresistenz findet eben nicht nur bei überflüssiger oder inadäquater, sondern auch bei jeder korrekten Antibiotikaanwendung statt.
Resistenzen brechen. In Arzneipflanzen steckt das Potential zur Entwicklung resistenzverhindernder und -brechender Mittel. Auf die Notwendigkeit, solche Mittel zu entwickeln, wird von Experten immer wieder hingewiesen. Substanzen aus den oben genannten Stoffklassen können z.B. der Biofilmbildung der Erreger entgegenwirken. Biofilme gehören zu den wichtigsten Ursachen für das Versagen einer antibiotischen Therapie und begünstigen den Resistenzgentransfer zwischen Bakterien [7], [HR 22, Okt/Nov 22]. Biofilme entziehen die Bakterien zudem dem Zugriff der Immunzellen.
Verbreitung multiresistenter Erreger (MRE)
Mancher Hund teilt als Familienmitglied nicht nur die Wohnung, sondern auch das Bett mit seinem Halter. Dieser enge Kontakt begünstigt den Austausch von fakultativ pathogenen, möglicherweise multiresistenten Erregern (MRE), was jedoch nicht per se zur Infektion führt. Eine nicht zu unterschätzende Quelle für MRE ist rohes Tierfutter, das oft mit zahlreichen Keimen kontaminiert ist [8].
Infektionen mit MRE begünstigende Situationen
Je älter Hund und Halter werden, umso mehr geriatrische Probleme treten bei beiden auf. Dadurch steigt das Risiko für eine Infektion mit fakultativ pathogenen Erregern, dies insbesondere bei immunsuppressiver Therapie (steroidale und nichtsteroidale Antiphlogistika, Antirheumatika etc.) oder bei Antibiosen. Hund und Halter werden bei schweren Erkrankungen zudem hospitalisiert und sind dadurch der Gefahr nosokomialer Infektionen ausgesetzt, die zunehmend durch MRE verursacht werden [s. Kasten]. Auch hier kommen wechselseitige Übertragungen vor. Je älter unsere Gesellschaft und unsere Hunde werden, umso mehr rückt das Problem multiresistenter Erreger in den Fokus. Aber auch noch nicht immunkompetente Neugeborene, Kinder und Jungtiere sowie durch Krankheit und Immunsuppression geschwächte Menschen und Tiere sind durch MRE gefährdet. Auch hier sind antibiotische Behandlungen und Hospitalisierung die wichtigsten Risikofaktoren [8].
Arzneipflanzen bei Infektionen - wichtige Indikationen im Überblick
Wundinfektionen. Ein häufiger MRE beim Hund ist S. pseudintermedius (MRSP), ein opportunistischer Keim, der Haut und Schleimhäute von Hunden besiedelt und mit Wundinfektionen aber auch Pyodermien und Otitiden assoziiert ist. In Tierkliniken spielen zudem multiresistente S. aureus (MRSA) eine Rolle, die in seltenen Fällen auch an Pneumonien und Zystitiden beteiligt sein können [8].
S. pseudintermedius und S. aureus erweisen sich als besonders empfindlich gegen die ätherischen Öle von Teebaum, Oregano, Lemongras und Manuka. Dies gilt auch für MRSP und MRSA [9].
Einsatz von Teebaumöl und Honig. Zur antiseptischen Wundreinigung werden 30-40 Tropfen Teebaumöl in 250ml physiol. Kochsalzlösung gegeben und vor der Anwendung gut geschüttelt.
Zur Einreibung werden 5-10 % Teebaumöl in fettes Pflanzenöl gemischt (Mandel-, Oliven- oder Rapsöl); Gegenanzeigen: Große Wundflächen, Katzen) [10]
Zum Einsatz von Honig, einem Phytotherapeutikum aus „zweiter Hand“ zur Wundpflege, Wundheilungsförderung und -desinfektion siehe HR 31, Juli 2024.
Infektiöse Otitiden. Welche Möglichkeiten die Phytotherapie bietet, um infektiöse Otitiden ohne AB erfolgreich zu therapieren, wird in HR 28, Dezember 2023 dargelegt.
Harnwegsinfektionen. Bei unkomplizierten Harnwegsinfekten kann weitgehend auf eine Antibiose verzichtet werden. Dies wird in der Humanmedizin bereits getan. Zu den phytotherapeutischen Möglichkeiten bei Harnwegsinfekten siehe HR 14, April/Mai 21.
Darminfektionen. Durch eine antibiotische Therapie von Darminfektionen entstehen zwangsläufig Schäden in der physiologischen residenten Keimflora. Infektionen mit fakultativ pathogenen Darmbakterien wie E. coli, Clostridien und Pilzen wie Candida spp. etc. werden dadurch begünstigt. Zur Phytotherapie bei unspezifischer Diarrhoe siehe HR 29, März 2023.
Atemwegsinfektionen. Bei Atemwegserkrankungen haben Arzneipflanzen von je her große Bedeutung. Humanmedizinern steht im Gegensatz zu Veterinärmedizinern ein breites Angebot an pflanzlichen Therapeutika zur Verfügung, für die es eine gute Studienlage gibt. Was die Phytotherapie bei Atemwegserkrankungen zu bieten hat, wird in HR 17, Okt/Nov 2021 dargelegt.
Fazit
Angesichts jährlich Tausender toter Menschen und Tiere durch AB-resistente Erreger ist es unverzeihlich, dass Tiermedizinerinnen immer noch auf sich gestellt sind, wenn sie durch Arzneipflanzeneinsatz Antibiotika vermeiden wollen. Mehr noch: In ihren Bemühungen, ihre Patienten mit bewährten Phytotherapeutika vor erheblichem Schaden oder gar Tod durch antibiotikaresistente Keime zu schützen, werden sie durch das Arzneimittelrecht behindert, wenn nicht sogar kriminalisiert. Das muss sich ändern.
Literatur
- Meštrović, T., Haller, S., Robles Aguilar G et al. (2025). Antimicrobial resistance burden landscape in Germany in 2019: a comparative country-level estimation. JAC-Antimicrobial Resistance, 7(4), dlaf142.
- Antibiotika-Resistenz - RKI warnt vor superresistenten Darm-Erregern. Nachricht vom 26.08.2025 im Deutschlandfunk
- Holst, R. (2023). Antibiotikaresistenzen bei Hunden und Katzen: eine Darstellung der aktuellen Situation in Deutschland und Erarbeitung möglicher Handlungsempfehlungen unter dem One Health-Ansatz (Doctoral dissertation, Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg).
- https://www.rki.de/DE/Themen/Infektionskrankheiten/Antibiotikaresistenz/FAQ/faq-node.html#entry_16948038
- Wojnicz, D., Kucharska, A. Z., Sokół-Łętowska, A., Kicia, M., & Tichaczek-Goska, D. (2012). Medicinal plants extracts affect virulence factors expression and biofilm formation by the uropathogenic Escherichia coli. Urological Research, 40(6), 683-697.
- Palaniappan, K., & Holley, R. A. (2010). Use of natural antimicrobials to increase antibiotic susceptibility of drug resistant bacteria. International journal of food microbiology, 140(2-3), 164-168.
- Melzig, M. F. (2023). Ätherische Öle als Hemmer des bakteriellen Quorum Sensings. Zeitschrift für Phytotherapie, 44(05), 201-206.
- Heim, D., Kuster, S. P., & Willi, B. (2020). Antibiotikaresistente Bakterien bei Hund und Katze: Empfehlungen für Halterinnen und Halter. Schweizer Archiv für Tierheilkunde, 162(3), 141-151.
- Bismarck, D., Schneider, M., & Müller, E. (2017). Antibakterielle in-vitro-Wirksamkeit ätherischer Öle gegen veterinärmedizinisch relevante Keime klinischer Isolate von Hunden, Katzen und Pferden. Complementary Medicine Research, 24(3), 153-163.
- Brendieck-Worm C, Melzig MF. Phytotherapie in der Tiermedizin. 2. Aufl., Thieme, New York, Stuttgart, 2021
- Schmidt, S., Heymann, K., Melzig, M. F., Bereswill, S., & Heimesaat, M. M. (2016). Glycyrrhizic acid decreases gentamicin-resistance in vancomycin-resistant enterococci. Planta Medica, 82(18), 1540-1545.
- Gabor P. Untersuchungen zur antimikrobiellen Wirkung des Veterinär-Phytotherapeutikums PhlogAsept (Diplomarbeit). Greifswald: Universität Greifswald; 2022