Moderne Hüftchirurgie: Landseer-Hündin „Grammy“ und die erste 3D-HIP-Operation in Deutschland
Malte Pfohl, Hannover
Wenn ein Hund plötzlich nicht mehr laufen, spielen oder aufstehen möchte, bricht für viele Halter:innen eine Welt zusammen. Besonders tragisch ist es, wenn das Tier noch jung ist – wie im Fall von Grammy, einer imposanten, sanftmütigen Landseer-Hündin, die im Alter von nur elf Monaten begann, ihre Hinterläufe kaum noch zu benutzen. Was zunächst wie eine harmlose Wachstumsstörung oder Muskelzerrung wirkte, entpuppte sich als ausgeprägte Hüftdysplasie (HD). Doch für Grammy bedeutete diese Diagnose nicht das Ende ihrer Bewegungsfreude, sondern den Beginn einer medizinischen Premiere: Sie wurde die erste Hündin in Deutschland, die mit der innovativen 3D-HIP-Technologie behandelt wurde – einem Verfahren, das die Hüftchirurgie bei Hunden revolutionieren könnte.
Ausgangssituation
Zum Zeitpunkt der Diagnose war Grammy eine kräftig gebaute, freundliche und verspielte Junghündin. Doch ihr Verhalten änderte sich zusehends: Sie tat sich beim Aufstehen schwer, vermied Treppen und gab selbst beim Ballspiel rasch auf. Schließlich verweigerte sie Spaziergänge ganz und verbrachte den Großteil des Tages liegend. Die orthopädische Untersuchung im Tiergesundheitszentrum List zeigte deutliche Schmerzreaktionen bei der Manipulation der Hüftgelenke sowie eine verminderte Muskulatur an der Hinterhand. Das anschließende HD-Röntgen ergab eine B1-Bewertung – eine leichte Form der Hüftdysplasie, die in Kombination mit den klinischen Symptomen auf eine funktionell relevante Gelenkfehlstellung hinwies.
3D-CT-Diagnostik
Um die anatomischen Gegebenheiten exakt zu erfassen, wurde ein hochauflösendes 3D-CT angefertigt. Diese Bildgebung ermöglichte eine detaillierte, dreidimensionale Analyse der Hüftpfanne und des Femurkopfs – ein entscheidender Schritt, um festzustellen, ob Grammy für ein maßgefertigtes 3D-Hüftimplantat infrage kam. Die Auswertung zeigte eine deutliche Deformation der Gelenkpfanne und ein verschobenes Femurkopf-Acetabulum-Verhältnis. Nach interdisziplinärer Beratung wurde Grammy für die Teilnahme an der 3D-HIP-Studie zugelassen – als erste Hündin in Deutschland, bei der dieses Verfahren erprobt wurde.
Der Eingriff wurde im Tiergesundheitszentrum List unter Leitung eines spezialisierten Chirurgenteams durchgeführt.
3D-HIP-Technologie - Maßarbeit aus Titan
Bei der 3D-HIP-Technologie handelt es sich um ein neuartiges Verfahren, bei dem die Hüftpfanne individuell aus Titan im 3D-Druckverfahren gefertigt wird. Grundlage ist das zuvor erstellte CT-Modell der defekten Gelenkregion. Daraus entsteht ein hochpräzises Implantat, das sich exakt an die individuelle Anatomie des Tieres anpasst. Das Ziel: maximale Passgenauigkeit, optimale Lastverteilung und dauerhafte Gelenkstabilität. Im Gegensatz zu standardisierten Implantaten berücksichtigt dieses Verfahren die biologischen und mechanischen Eigenheiten jedes einzelnen Patienten – vergleichbar mit der personalisierten Endoprothetik in der Humanmedizin.
Operation und Nachsorge
Der Eingriff wurde im Tiergesundheitszentrum List unter Leitung eines spezialisierten Chirurgenteams durchgeführt. Dank digitaler Operationsplanung konnte die Implantation besonders gewebeschonend und präzise erfolgen. Das individuell gefertigte Titanimplantat wurde in die Hüftpfanne eingebracht und mit bioaktiven Schrauben fixiert. Der Femurkopf blieb erhalten, wodurch die natürliche Kinematik des Gelenks weitgehend bewahrt wurde. Bereits am zweiten Tag nach der Operation begann die Rehabilitation mit passiver Bewegungstherapie. Im weiteren Verlauf kamen Muskelaufbauübungen und gezielte Physiotherapie hinzu. Nach rund sechs Wochen zeigte sich ein eindrucksvolles Ergebnis: Grammy bewegte sich wieder selbstständig, lief ohne sichtbare Schmerzen und begann, ihre Umgebung neugierig zu erkunden – so verspielt wie vor der Erkrankung.
Die 3D-HIP-Technologie ermöglicht eine individuell angepasste, schonende Behandlung schwerer Hüftdysplasien."
Ergebnisse und Bedeutung
Die Nachuntersuchungen sechs Wochen postoperativ zeigten eine stabile, schmerzfreie Belastung der operierten Hüfte. Beweglichkeit und Gangbild waren nahezu physiologisch, die Muskulatur hatte sich rasch regeneriert. Der außergewöhnlich schnelle Heilungsverlauf spricht für die Kombination aus präziser Implantatanpassung, gewebeschonender Operationstechnik und konsequenter Nachsorge. Die 3D-HIP-Technologie eröffnet damit neue Perspektiven für die orthopädische Chirurgie – insbesondere bei großrahmigen Hunderassen mit komplexer Hüftanatomie.
Fazit
Der Fall Grammy zeigt eindrucksvoll, wie moderne 3D-Technologie die Veterinärmedizin verändert. Die 3D-HIP-Technologie ermöglicht eine individuell angepasste, schonende Behandlung schwerer Hüftdysplasien – mit hervorragender Funktion, schneller Rekonvaleszenz und spürbar gesteigerter Lebensqualität für die betroffenen Tiere. Grammy ist damit nicht nur eine genesene Patientin, sondern eine Pionierin einer neuen Ära orthopädischer Tierchirurgie.
Quellen
- Kowaleski MP, et al. Total hip replacement in dogs: past, present, and future. Vet Surg. 2020;49(1):33–47.
- Fitzpatrick N, Yeadon R. Custom 3D-printed orthopaedic implants in veterinary surgery. Vet Comp Orthop Traumatol. 2021;34(3):189–198
- Gemmill TJ. Canine hip dysplasia: diagnostic imaging and treatment options. J Small Anim Pract. 2019;60(12):713–725.
- Tiergesundheitszentrum List, Hannover – interne Fallstudie, 2025.
- Voss K, et al. Advances in canine total hip arthroplasty. Vet J. 2022;283:105849.