VET REKORDER #3: Mentale Gesundheit im Praxisalltag
„Warum brennen so viele in der Tiermedizin aus – und wie lässt sich das verhindern?“
In der dritten Folge des Tiermedizin-Podcast VET REKORDER geht es um ein Thema, das lange Zeit tabu war: psychische Gesundheit in der Tiermedizin. Studien zeigen, dass Tiermediziner:innen ein erhöhtes Risiko für Depressionen und Suizidgedanken haben. Gigi Santos von NOMV spricht von einer "Branche voller kleiner täglicher Traumata". Sascha Schiffbauer und Andreas Moll treffen Tierärzt:innen, TFAs und Mental-Health-Aktivist:innen und sprechen über Belastung, Schutzfaktoren und Wege aus der Erschöpfung. Sie waren zu Gast im Vetzentrum Köln und haben darüber hinaus mit den Verantwortlichen und Gründer:innen der Organisationen NOMV, Vetivolution und VETHiLFE e.V. gesprochen.
Was im Vet Zentrum sichtbar wird!
Im Vet Zentrum Köln haben wir von Klinikleiterin Dr. Kristina Dickomeit, Vertrauenstierärztin Nina Terhaag und TFA Jennifer "Jenny" Oster erfahren, wie die Belastungen entstehen und wie versucht wird, aktiv damit umzugehen und frühzeitig gegenzusteuern. Die allermeisten Punkte kommen wohl allen in der Tiermedizin Tätigen bekannt vor.
- Akutdruck + Dauerstress: 24/7-Betrieb, komplexe Fälle, Nacht- und Wochenenddienste.
- Dreiklang Medizin–Geld–Gefühl: Therapien wären oft möglich, scheitern aber am Budget. Frust und Hilflosigkeit landen nicht selten bei Tierärzt:innen und TFAs.
- Zu wenig Ausbildung in „weichen“ Fächern: Kommunikation, Selbstschutz, Umgang mit Aggression oder Suizidalität wurden im Studium bzw. in der TFA-Berufsschule kaum vermittelt.
- Öffentlicher Druck: Einzelfälle dominieren Social Media und Presse; unsaubere Darstellungen verletzen Teams zusätzlich.
Was sich ändern müsste, wurde klar geäußert. Eine Pflicht-Tierkrankenversicherung würde den größten Eskalationsfaktor, die Kostenfrage, entschärfen. Darüber hinaus müssten Kommunikation, Ethik, Selbstschutz und der Umgang mit schwierigen Situationen verbindlich in Studium und TFA-Berufsschule thematisiert werden. Außerdem sollten Züchter:innen und Tierschutz-Organisationen realistische Kosten im Laufe eines Tierlebens aktiv thematisieren. www.vetzentrum-koeln.de
Internationale Perspektive: Not One More Vet
Gigi Santos, Executive Director der US-amerikanischen Non-Profit-Organisation Not One More Vet (NOMV), erklärt, wie ihre Organisation Tierärzt:innen weltweit dabei unterstützt, psychisch gesund zu bleiben. Ziel sei es, „Menschen in der Tiermedizin nicht nur beim Überleben, sondern beim Gedeihen in ihrem Beruf zu unterstützen“. Santos, selbst Sozialarbeiterin und Mental-Health-Expertin, beschreibt die Tiermedizin als eine Branche voller kleiner täglicher Traumata – geprägt von emotionalem Stress, wirtschaftlichem Druck und häufigen Entscheidungen über Leben und Tod. „Tierärzt:innen lieben Tiere, doch sie tragen eine enorme Last“, sagt sie.
NOMV wurde 2014 nach dem Suizid der Tierärztin Dr. Sophia Yin gegründet und wuchs aus einer Facebook-Gruppe zu einer weltweiten Bewegung mit über 40.000 Mitgliedern. Heute bietet die Organisation kostenlose Peer-Support-Programme, Mentale-Gesundheitsgruppen, Workplace-Assessments („Clear Blueprint“) und Finanzhilfen für Veterinärteams, die in Krisen geraten. „2014 hat niemand über psychische Gesundheit in der Tiermedizin gesprochen“, so Santos. „Heute gibt es endlich Gespräche – und das ist ein entscheidender Schritt in die richtige Richtung.“ https://nomv.org
Hotline von Kolleg:innen für Kolleg:innen: VETHiLFE e.V.
VETHiLFE e.V. bietet seit dem 1. Juli eine anonyme Peer-Hotline für alle Menschen in der Tiermedizin. Das Prinzip ist bewusst einfach: reden, ehe es still wird. Denn die meisten Anrufe drehen sich nicht um ein einziges „großes“ Problem, sondern um das, was den Alltag so schwer macht: der vielschichtige Druck zwischen Arbeit, Privatleben, Kommunikation und Konflikten mit Tierhalter:innen. „Es gibt kein zu kleines und kein zu großes Thema, um anzurufen“, sagt Dr. Maike de Rose, Tierärztin und stellvertretende Vorsitzende des Vereins. „Wichtig ist nur, nicht zu verstummen. Denn wenn man spricht, klärt sich vieles schon im Gespräch.“ Damit Hilfe sicher und professionell bleibt, setzt VetHilfe auf Qualität: Die Ehrenamtlichen absolvieren eine neunteilige Ausbildung durch die TelefonSeelsorge Berlin-Brandenburg. Anschließend sorgen regelmäßige Supervisionen, Notfall-Supervisionen und ein jährliches Präsenztreffen dafür, dass die Helfenden geschützt werden.
Anonymität ist Voraussetzung, damit sich wirklich jede:r melden kann. Für Anrufende und Teilnehmende ist es kostenfrei. Aktuell ist die Hotline täglich von 20 bis 22 Uhr erreichbar – mit jeder Ausbildungskohorte werden die Zeiten erweitert. „Wir wollen die Tiermedizin zum Sprechen bringen – zuerst untereinander, dann auch nach außen“, erklärt de Rose. „Wenn wir anfangen, ehrlich über Belastung und Erschöpfung zu reden, entsteht etwas, das stärker ist als jedes individuelle Problem: ein Gefühl von Gemeinschaft.“ In fünf Jahren will VETHiLFE mindestens 20 Stunden pro Tag abdecken und zusätzlich eine schriftbasierte Beratung etablieren. https://vethilfe.org
Vetivolution: Graswurzelhilfe für mentale Gesundheit
Dr. Jana Dickmann und Dr. Karim Montasser gründeten vor drei Jahren am Welttag der psychischen Gesundheit vetivolution: eine Initiative, die das Tabu bricht, konkrete Hilfe bietet und mentale Gesundheit in Studium, Praxis und Kliniken verankern will. „Wir wollten nicht länger zusehen, wie das Thema hochkocht und wieder verschwindet“, sagt Montasser. „Unser Ziel ist, langfristig überflüssig zu werden, weil Mental Health selbstverständlich mitgedacht wird.“ Im Kern adressiert Vetivolution nicht nur die Spitze des Eisbergs – die Suizidstatistiken –, sondern vor allem das, was darunter liegt: chronische Erschöpfung, Depressionen, Suchtdynamiken, Beziehungsbrüche, frühe Berufswechsel. „Oft ist es eine schlichte Imbalance“, erklärt Dickmann: „Enormer Einsatz von Zeit, Energie und Herzblut trifft auf zu wenig Rückkopplung – Wertschätzung, Selbstwirksamkeit, faire Rahmenbedingungen.“
Die jüngeren Semester kommen heute deutlich aufgeklärter, u.a. dank Social-Media-Aufklärung ins Studium. Die Herausforderung bleibt, diese Haltung gegen Ausbildungs- und Praxisdruck zu erhalten. Vetivolution setzt dazu auf Community-Building via Podcast & Social, auf Graswurzel-Arbeit in Teams und auf Partner:innen, die strukturelle Veränderungen mittragen. „Immer mehr Organisationen und Führungskräfte erkennen die Notwendigkeit“, sagt Montasser. „Unser Job liegt darin, den Schneeball weiterzurollen, bis mentale Gesundheit in der Tiermedizin kein Sonderthema mehr ist.“ https://vetivolution.org
Reinhören!
Der VET REKORDER #3 ist mehr als ein Podcast – er ist ein Aufruf, hinzusehen, zuzuhören und endlich zu handeln. Wer in der Tiermedizin arbeitet, sollte diese Folge hören – für sich selbst, für Kolleg:innen, für ein gesünderes Miteinander. Mentale Gesundheit geht uns alle an. Ab dem 15. November reinhören in den VET REKORDER #3.