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Multimodale Therapieentscheidung im Praxisalltag

Wann wird Verhalten zur medizinischen Aufgabe? Diese Frage stellt sich im tierärztlichen Alltag häufiger, als es auf den ersten Blick scheint. Zwischen der berechtigten Sorge, normales Verhalten vorschnell zu pathologisieren, und dem ebenso riskanten Abwarten bei tatsächlich...
Multimodale Therapieentscheidung im Praxisalltag

Wann wird Verhalten zur medizinischen Aufgabe? Diese Frage stellt sich im tierärztlichen Alltag häufiger, als es auf den ersten Blick scheint. Zwischen der berechtigten Sorge, normales Verhalten vorschnell zu pathologisieren, und dem ebenso riskanten Abwarten bei tatsächlich behandlungsbedürftigen Störungen braucht es mehr als Bauchgefühl: Es braucht klare Kriterien, Struktur und ein Verständnis für die zugrunde liegenden Mechanismen.

Mit dem Webinar "Therapiewürdikeit in der Verhaltensmedizin - Multimodale Therapieentscheidung im Praxisalltag" rückt Dômes Pharma diese Fragestellung in den Mittelpunkt. Dr. Stephanie Jette Uhde klärt am 3. Juni 2026 (19:00 bis 21:00 Uhr) darüber auf, wann Verhalten zur medizinischen Indikation wird und welche Konsequenzen sich daraus für Diagnostik und Therapie ergeben. Im Vorfeld haben wir mit ihr gesprochen. Im Vorfeld haben wir mit der  gesprochen.

„Jette, wo ziehst du in der Praxis die Grenze zwischen normalem Verhalten und einer behandlungsbedürftigen Störung – gibt es für dich einen klaren Marker?“

Die Grenze verläuft nicht am Verhalten selbst. Verhalten ist immer kontextabhängig – und zunächst keine Diagnose. Entscheidend ist, was dieses Verhalten bewirkt: Führt es zu einer Einschränkung von Wohlbefinden, Sicherheit oder Funktionsfähigkeit? Für mich gibt es deshalb keinen einzelnen „Marker“, sondern eine funktionale Bewertung. Kritisch wird es, wenn artspezifische Verhaltensweisen nicht mehr abrufbar sind – wenn ein Hund zum Beispiel nicht mehr exploriert, spielt oder zur Ruhe kommt. Oder wenn emotionale Zustände wie Angst oder Übererregung chronisch werden. Die eigentliche Grenze ist erreicht, wenn Anpassung nicht mehr gelingt: Wenn das Tier seine Umwelt (zunehmend) nicht mehr bewältigen kann und Selbstregulation versagt. Dann sprechen wir nicht mehr über normales Verhalten, sondern über eine behandlungsbedürftige Störung.

„Du sprichst davon, dass nicht die Belastung der Halter:innen entscheidend ist, sondern das Versagen adaptiver Bewältigungsmechanismen. Wie lässt sich das im Praxisalltag konkret erkennen?“

Im Alltag zeigt sich das weniger an der Heftigkeit einzelner Reaktionen – sondern daran, dass das System insgesamt nicht mehr funktioniert. Typisch ist zum Beispiel, dass Verhalten trotz Training bestehen bleibt oder sich sogar ausweitet. Dass Reaktionen generalisieren, also in immer mehr Situationen auftreten. Oder dass dem Tier die Fähigkeit fehlt, zwischen Anspannung und Entspannung zu wechseln. Besonders aufschlussreich ist der Blick auf das Verhaltensrepertoire: Fehlen zentrale Funktionen wie Exploration, Komfortverhalten oder Spiel, ist das ein starkes Signal. Ebenso Hinweise auf chronischen Stress – von Hyperarousal bis hin zu Apathie oder stereotypen Mustern. Diagnostisch arbeite ich hier u. a. mit dem caninen Ethogramm und der Analyse der Funktionskreise sowie dem Soziogramm, aber zunehmend auch mit digitalem Monitoring. Die zentrale Frage lautet immer: Welche Systeme sind noch regulierbar – und welche sind kollabiert? Entscheidend ist letztlich nicht, wie belastend eine Situation ist, sondern ob das Tier überhaupt noch in der Lage ist, sie zu bewältigen.

„Beim Thema Pharmakotherapie gibt es nach wie vor viele Vorbehalte. Was sind aus deiner Sicht die größten Missverständnisse beim Einsatz von SSRIs?“

Das größte Missverständnis ist die Erwartung, dass Medikamente "Problemverhalten lösen“. SSRIs tun genau das nicht. Sie sind keine schnelle Lösung und keine Akutmedikation. Ihr Effekt setzt verzögert ein – und ihr Ziel ist ein anderes: Sie stabilisieren ein chronisch dysreguliertes System. Erst dadurch wird Lernen überhaupt wieder möglich. Ein zweiter häufiger Irrtum ist die Gleichsetzung mit Sedation. Gute Pharmakotherapie macht Tiere nicht ruhig – sie macht sie regulierbar. Und schließlich wird oft die Indikation unterschätzt: SSRIs gehören nicht in situative Probleme, sondern in Fälle mit anhaltender Dysregulation, chronischem Stress und eingeschränkter Selbstregulation.

Kurz gesagt: Wir behandeln nicht das Verhalten mit Medikamenten. Wir behandeln die neurobiologische Grundlage, damit Verhalten wieder veränderbar wird.

Wir bedanken uns bei Dir für diese interessanten Ausführungen und wünschen viel Freude beim Webinar "Therapiewürdikeit in der Verhaltensmedizin - Multimodale Therapieentscheidung im Praxisalltag" am 3. Juni 2026. 

Dr. Stephanie Jette Uhde
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Dr. Stephanie Jette Uhde ist praktische Tierärztin und tierärztliche Verhaltenstherapeutin mit langjähriger Erfahrung in Klinik, Praxis und Tierschutz. Aktuell steht sie kurz vor dem Abschluss der Zusatzbezeichnung „Verhaltenstherapie“ bei der Landestierärztekammer Schleswig-Holstein und bringt ihre Expertise aus Praxis, Telemedizin und intensiver Fortbildung in ihre Arbeit ein. Neben ihrer Tätigkeit als angestellte Tierärztin war sie unter anderem im Tierheimmanagement aktiv sowie in der Prüfungskommission zur Zertifizierung von Hundetrainern engagiert. Seit vielen Jahren ist sie zudem als Dozentin tätig und vermittelt ihr Wissen praxisnah an Kolleg:innen und Tierhalter:innen.

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