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Komplementärmedizin

"Das dicke Brett der Veränderung" - LUNCHgespräch mit Dr. Sandra Graf-Schiller im Allgäu

Das denkmalgeschützte Fachwerkhaus des BIO Restaurant Adler in Vogt stammt aus dem Jahr 1800 und wird seit 1998 als Bio-Landgasthof geführt. 100 Prozent Bio von der Herkunft der Zutaten bis zur Philosophie in der Küche. Hier treffe ich mich mit der SuluVet-Geschäftsführerin Dr. Sandra...
"Das dicke Brett der Veränderung" - LUNCHgespräch mit Dr. Sandra Graf-Schiller im Allgäu

Das denkmalgeschützte Fachwerkhaus des BIO Restaurant Adler in Vogt stammt aus dem Jahr 1800 und wird seit 1998 als Bio-Landgasthof geführt. 100 Prozent Bio von der Herkunft der Zutaten bis zur Philosophie in der Küche. Hier treffe ich mich mit der SuluVet-Geschäftsführerin Dr. Sandra Graf-Schiller, die über seit zwei Jahrzehnten in der Vet-Branche aktiv ist. Im Mittelpunkt des Interviews steht die Frage, wie Tiermedizin heute und in Zukunft funktionieren kann.

Schon bei der Bestellung läuft mir buchstäblich das Wasser im Mund zusammen. Dr. Graf-Schiller entscheidet sich für einen Frühlingssalat mit gebackenem Demeter-Schafskäse und Apfel-Chutney, gefolgt von einem Brokkoli-Risotto mit Ziegenfrischkäse. Für mich beginnt das Gespräch mit einem aufgeschlagenen Bärlauch-Schaumsüppchen, ehe das Geschnetzelte vom Seitan mit Kräuterseitlingen folgt. 

Was zunächst wie ein klassisches Branchengespräch beginnt, entwickelt sich schnell in eine andere Richtung. Es geht um ein Spannungsfeld, das viele Tierärzt:innen kennen, aber selten so klar formuliert wird, wie es Graf-Schiller macht. „Wir sehen einen riesigen Bedarf bei den Tierhalter:innen, aber nur wenige Tierärzt:innen, die sich wirklich damit auseinandersetzen“, sagt Graf-Schiller. Gemeint ist der Wunsch nach ergänzenden, integrativen Therapieansätzen. Ein Wunsch, der längst in der Breite angekommen ist, nur eben nicht überall in der Tierarztpraxis. Ein möglicher Grund liegt in der Kombination aus Zeitdruck, eingeübten Routinen und einem System, das nur wenig Raum für neue Denkansätze lässt. „Wenn du voll im Praxisalltag bist, machst du das, was du sicher kannst. Alles andere bleibt unweigerlich liegen“, beschreibt sie die Realität vieler Kolleg:innen.

Das dicke Brett der Veränderung

Die Herausforderung sei nicht fehlendes Interesse, sondern fehlender Zugang. Wissen müsse aktiv über den Außendienst, Fortbildungen, Webinare und vor allem über viele persönliche Gespräche vermittelt werden. „Das ist ein richtig dickes Brett, das wir da bohren müssen“, sagt Graf-Schiller. Veränderung sei dabei nicht nur eine fachliche, sondern auch eine kulturelle Aufgabe. Gleichzeitig entsteht ein Paradox: Während Tierhalter:innen zunehmend nach Alternativen suchen, bleiben viele Tierärzt:innen zurückhaltend. Die Folge: Patient:innen wandern in Richtung Internet oder zu alternativen Anbieter:innen an. Eine Entwicklung, die Graf-Schiller kritisch sieht.

Verantwortung neu denken

Graf-Schiller wünscht sich ein Umdenken im Umgang mit Gesundheit – auch in der Tiermedizin. Weg von der reinen Delegation von Verantwortung hin zu einem bewussteren, aktiveren Verständnis, das Raum für unterschiedliche Therapieansätze lässt. „Wir sind so sozialisiert, dass wir Verantwortung an die Ärzt:innen und an Apparate abgeben“, sagt sie – und berührt damit das grundlegende Verständnis von Gesundheit.

Gerade im Spannungsfeld zwischen hochentwickelter Diagnostik und zunehmendem Interesse an ergänzenden, integrativen Verfahren sieht sie eine Lücke. Denn so präzise Diagnostik heute auch ist und so groß die technischen Möglichkeiten geworden sind – nicht jede Untersuchung führt automatisch zu einer besseren Therapie. Entscheidend sei vielmehr, die richtige Frage zu stellen: Was verändert sich für das Tier konkret durch das, was wir diagnostizieren? Und welche Rolle können dabei auch alternative oder ergänzende Therapieansätze spielen?

Diese Haltung endet für Graf-Schiller nicht im Unternehmen. Auch im Bundesverband der Pharmazeutischen Industrie, in dessen Vorstand sie aktiv ist, versucht sie, die Perspektive der Tiermedizin stärker einzubringen und damit auch die Diskussion über ein breiteres, integratives Verständnis von Therapie sichtbarer zu machen.

Ausbildung: Der entscheidende Hebel

Ein weiterer zentraler Punkt ist die Ausbildung. Viele der heutigen Herausforderungen entstehen nicht erst im Berufsalltag, sondern bereits im Studium. Integrative Ansätze spielen dort kaum eine Rolle, und wer sie später entdecken soll, muss das aktiv tun. „Wir müssen früher an die Studierenden ran, bevor sie im System festgelegt sind.“ Doch genau das ist schwierig. Universitäre Strukturen sind träge, Zugänge begrenzt. Einzelne Initiativen zeigen zwar Wirkung, bleiben aber punktuell.

Zwischen Fortschritt und Erwartung

Was dieses Gespräch so besonders macht, ist die Offenheit, mit der Dr. Sandra Graf-Schiller auch unbequeme Themen wie den wirtschaftlichen Druck, steigende Kosten und die Rolle großer Praxisstrukturen anspricht. Die Tiermedizin stehe an einem Punkt, an dem gleichzeitig technologischer Fortschritt, wirtschaftliche Veränderungen und ein verändertes Erwartungsverhalten der Tierhalter:innen zusammenkommen. „Die Zukunft wird nicht einfach die Verlängerung der Gegenwart sein“, sagt Graf-Schiller. 

Mit diesen Worten und einem letzten Schluck Kaffee endet das Gespräch. Dieses LUNCHgespräch hat Lust auf Zukunft gemacht und darauf, die kommenden Entwicklungen in der Tiermedizin aktiv mitzugestalten.

Andreas Moll

Dr. Sandra Graf-Schiller
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Dr. Sandra Graf-Schiller studierte Tiermedizin an der LMU München und startete ihre berufliche Laufbahn als Assistenztierärztin in einer Pferdepraxis. Heute ist sie Geschäftsführerin der SaluVet GmbH, die biologisch-pharmazeutische Produkte für Kleintiere, Pferde und Nutztiere entwickelt und vertreibt. Mit PlantaVet verantwortet das Unternehmen eine Marke, die sich gezielt an niedergelassene Tierärzt:innen richtet. Im November 2023 wurde Graf-Schiller in den Bundesvorstand des Bundesverband der Pharmazeutischen Industrie gewählt. Dort setzt sie sich insbesondere dafür ein, veterinärmedizinischen Themen innerhalb des Verbandes mehr Gewicht zu verleihen und die Interessen entsprechender Unternehmen auf politischer Ebene sichtbarer zu machen.

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