Svenja Kasselmann: Brückenbauerin zwischen Tiermedizin und Marketing

Bereits seit gut drei Jahren kenne und schätze ich Svenja Kasselmann, die bis vor Kurzem bei VetStage für Partnermarketing verantwortlich war und dort zahlreiche Employer Branding Kampagnen durchführte. Für unser Gespräch treffe ich die Tierärztin, die mittlerweile zur Praxisgruppe filu wechselte, in der jüngst eröffneten Praxisstandort in Berlin-Charlottenburg. Schon beim Betreten fallen die hellen Räumlichkeiten, getrennte Wartezonen für Hunde und Katzen, ein ruhiger Empfang und das junge Team auf, das sich selbstverständlich und freundlich zwischen Behandlungszimmern, Station und Labor bewegt.

Nach einem kurzen Rundgang wechseln wir den Ort und spazieren um die Ecke ins Café Zeit für Brot. Hier gibt es nicht nur einen ruhigen Platz, um das Interview zu führen, sondern auch die besten Zimtschnecken der Hauptstadt. Bei einem Kaffee und zwei der legendären Hefegebäcke sprechen wir über ihren Weg in die Tiermedizin, ihre Erfahrungen mit Strukturen und Missständen – und warum sie heute überzeugt ist, dass Veränderung möglich ist.

Studium, Auslandserfahrungen und ein Blick über den Tellerrand

Svenja Kasselmann hat Tiermedizin in Leipzig studiert und beschreibt ihr Studium als eine der prägendsten, schönsten Phasen ihres Lebens. Ursprünglich über den Pferdesport zur Tiermedizin gekommen, merkte sie früh, dass die Arbeitsbedingungen in diesem Bereich nicht zu ihren Vorstellungen passten. Nach dem Studium erfüllte sie sich zunächst ihren großen Traum einer langen Auslandsreise – mit Stationen in Australien, Asien, Südamerika und einem ebenso wichtigen Pferdepraktikum in Südafrika. Die dortige Hands-on-Mentalität und die große Eigenverantwortung, die man ihr zutraute, machten ihr deutlich, wie sehr sie diese praktische Erfahrung in Deutschland vermisst hatte.

Zurück in Berlin startete sie nicht in der Praxis, sondern in einem Startup und später an der FU Berlin im „Support4Vetmed“-Projekt, das ausländische Tierärzt:innen beim Erlangen der Approbation unterstützt. Ihr Weg führte sie danach zu VetStage, wo sie drei Jahre lang tief in Arbeitgeberkultur, Recruiting, Employer Branding und strukturelle Herausforderungen der Tiermedizin eintauchte. Sie beschreibt diese Zeit als lehrreich – mit viel Einblick in Bedürfnisse, Ängste und Defizite auf beiden Seiten: Arbeitnehmer:innen und Arbeitgeber:innen.

Der Wechsel zu filu ...

Kasselmann lernte filu zunächst im Rahmen von Employer-Branding-Projekten kennen, als sie noch bei VetStage tätig war. Der Wechsel war für sie eine inhaltlich motivierte Entscheidung. "Nach über drei Jahren, in denen ich zahlreiche Partner in strategischen und organisatorischen Fragen beraten habe, möchte ich das, was ich immer empfohlen habe, nun selbst aktiv umsetzen", erklärt Kasselmann. Filu biete ein Konzept, das sie voll unterstütze, mit einem klaren Fokus auf eine moderne, zukunftsorientierte Tiermedizin und gute Arbeitsbedingungen. "Genau diese Werte treiben mich seit Beginn meiner beruflichen Laufbahn an." Die Gespräche mit Mitgründerin Dr. Magdalena Naderer zeigten ihr eine Form von Tiermedizin, die dem entspricht, was sie sich selbst immer gewünscht hätte: ein Arbeitsumfeld, in dem Tierärzt:innen gerne arbeiten und bleiben möchten. Filu arbeitet mit einem klar definierten organisatorischen Rahmen, der auf planbare Abläufe und verlässliche Arbeitsbedingungen setzt. Dazu gehören realistische Terminlängen, frühzeitig kommunizierte Schichtpläne, regelmäßige Feedback- und Entwicklungsgespräche, flache Hierarchien mit klaren Verantwortlichkeiten sowie ein Culture Playbook, das gemeinsame Verhaltensstandards formuliert. Ergänzt wird das durch kontinuierliches Team-Feedback, das anonym erhoben wird. „Wir achten im Recruiting stark darauf, ob jemand fachlich und persönlich ins Team passt. Wenn wir das Gefühl haben, dass es nicht harmoniert, stellen wir nicht ein“, beschreibt Kasselmann den Ansatz.

Was junge Tierärzt:innen heute brauchen!

Im Gespräch wird deutlich, wie sehr Kasselmann die Bedürfnisse der jungen Generation im Blick hat. Sie rät dazu, sich früh mit den eigenen Prioritäten zu beschäftigen: „Man muss wissen, was man braucht und welcher Arbeitgeber zu den eigenen Lebensumständen passt. Es gibt nicht den einen richtigen Weg.“ Gleichzeitig betont sie, wie unerlässlich ein echter Dialog zwischen Praxisinhaber:innen und Mitarbeitenden ist. Viele Konflikte resultierten weniger aus unterschiedlichen Erwartungen, sondern aus fehlender Kommunikation: „Beide Seiten müssen wieder stärker ins Gespräch kommen, ansonsten entstehen Fronten, die niemandem helfen.

Aktive Mitgestaltung

Kasselmann ist überzeugt, dass die Tiermedizin sich im Wandel befindet und dass dieser Wandel nicht aufhält, aber gestaltbar ist. Wirtschaftliche Realität, moderne Arbeitsmodelle und der steigende Anspruch an Arbeitszufriedenheit müssten zusammen gedacht werden. Ihr Fazit fällt klar aus – und bildet einen sachlichen, aber optimistischen Schluss: „Die Branche verändert sich. Die Frage ist nicht, ob sie sich verändert, sondern wer bereit ist, diesen Prozess aktiv mitzugestalten.“

Andreas Moll