In ihrer Rubrik "WissenGO!" auf der AnaesthesieSkills-Plattform klärt PD Dr. Eva Eberspächer-Schweda praxisrelevante Fragen aus der Veterinärmedizin-Anästhesie – kompakt, verständlich und direkt anwendbar. 

Bei den meisten unserer Kleintierpatienten verwenden wir am Anästhesiegerät ein sogenanntes Rückatem- oder Kreissystem (Abb. 1). Einer der großen Vorteile gegenüber dem Nicht-Rückatemsystem ist, dass wir mit deutlich geringeren Flussraten von Sauerstoff bzw. Sauerstoff-Luft-Gemisch und Inhalationsanästhetikum arbeiten können. Das ausgeatmete Gas wird über den CO₂-Absorberkalk vom CO₂ befreit und steht dem Patienten beim nächsten Atemzug wieder zur Verfügung. Wie hoch die Flussrate am Flowmeter eingestellt sein muss, hängt jedoch von der Phase der Anästhesie ab und ist keineswegs immer gleich. (Abb. 1: Anästhesiegerät mit Rückatemsystem).

Viele der heute in der Kleintierpraxis verwendeten Anästhesiegeräte arbeiten mit Sauerstoffkonzentratoren. Diese konzentrieren Sauerstoff aus der Umgebungsluft auf bis zu nahe 100%. Deshalb stellt sich bei diesen Geräten nicht die Frage, ob man als Trägergas reinen Sauerstoff oder Sauerstoff-Luft-Gemisch verwendet.

ZIEL IST ES, die Flussrate so zu wählen, dass die jeweilige Phase der Anästhesie zuverlässig funktioniert ohne unnötig Sauerstoff und Inhalationsanästhetikum zu verbrauchen und damit auch Umwelt und Geldbeutel zu belasten.

Einleitungsphase: schnell „auf Touren“ kommen

Zu Beginn der Anästhesie soll sich das Atemsystem – also Atembeutel, Schläuchen und Atemkalk sowie die Lunge des Patienten – rasch mit Sauerstoff und Inhalationsanästhetikum füllen, um möglichst schnell nahe 100 % Sauerstoffkonzentration und die eingestellte % des Inhalationsanästhetikums (z. B. Isofluran) zu erreichen. Erst wenn sich im gesamten System eine ausreichende Isofluran- und Sauerstoffkonzentration eingestellt hat (= Äquilibrierung), kann der Patient ausreichend mit Sauerstoff versorgt und sicher in der gewünschten Narkosetiefe gehalten werden.

Wie schnell diese Äquilibrierung gelingt, hängt vor allem von zwei Faktoren ab: dem Volumen des Systems (u. a. Größe des Atembeutels (Abb. 2), Länge und Durchmesser der Schläuche und Lungenvolumen) und der eingestellten Flussrate am Flowmeter (Abb. 3). Je höher die Flussrate, desto mehr Volumen wird pro Zeiteinheit in das System gespült.

Um schnelle Konzentrationsänderungen zu ermöglichen, sollte man Atembeutel und -Schläuche wählen, die so groß wie nötig aber so klein wie möglich sind.

In der Praxis hat sich für die Einleitungsphase eine Flussrate von etwa 3–4 Liter/min bewährt. Sobald sich ein stabiler Zustand – die Erhaltungsphase (im Englischen steady state) – eingestellt hat und Patient, Atembeutel sowie Vitalparameter ein gleichmäßiges Bild zeigen, kann die Flussrate deutlich reduziert werden.

Erhaltungsphase: sparsam und ressourcenschonend

Ist das System einmal äquilibriert und der Patient in der Erhaltungsphase angekommen, müssen wir am Flowmeter nur noch so viel Sauerstoff nachliefern, wie der Patient tatsächlich verbraucht. Ein Kleintier verbraucht in der Erhaltungsphase ungefähr 5–10 ml/kg/min Sauerstoff. Da fast das gesamte Isofluran bzw. Sevofluran recycelt und das ausgeatmete CO₂ durch den Absorberkalk eliminiert wird, reichen sehr geringe Flussraten aus, um den Patienten sicher zu anästhesieren.

Insgesamt sollte die Flussrate jedoch 0,5 Liter/min nicht unterschreiten, da der durchschnittliche Verdampfer einen gewissen Mindestfluss benötigt, um eine konstante Konzentration des Inhalationsanästhetikums abzugeben. Außerdem können so kleine Leckagen am Atemsystem, die trotz des obligatorischen Dichtigkeitstests zu Beginn der Anästhesie (z. B. undichter Cuff am Endotrachealtubus) kompensiert werden.

Ein einfacher, aber wichtiger klinischer Kontrollparameter ist der Atembeutel: der Atembeutel muss komfortabel gefüllt am Anästhesiegerät hängen, sodass der Patient problemlos ein- und ausatmen kann. Kollabiert der Atembeutel über die Zeit, ist die Flussrate zu niedrig, um den Verbrauch durch den Patienten (oder ein Leck im System) zu kompensieren.

Ausleitungsphase: Inhalationsanästhetikum sauber auswaschen

Eine Phase, die in der täglichen Praxis häufig zu wenig Beachtung findet, ist das Ende der Anästhesie. Sobald der Eingriff abgeschlossen ist und der Patient demnächst vom Anästhesiegerät abgehängt werden soll, lohnt es sich, die Flussrate noch einmal deutlich zu erhöhen.

Der Verdampfer für das Inhalationsanästhetikum wird ausgeschaltet und gleichzeitig die Sauerstoff-Flussrate auf etwa 3–4 Liter/min hochgestellt. Auf diese Weise wird das im Atemsystem und in der Lunge des Patienten noch vorhandene Isofluran zügig ausgewaschen, sodass es nicht erst nach dem Abhängen vom Anästhesiegerät vom Patienten in die Umgebungsluft ausgeatmet wird. Das schont nicht nur das Personal im Aufwachbereich, sondern reduziert auch die Menge an Inhalationsanästhetika, die in die Atmosphäre abgegeben werden – ein klimarelevanter Aspekt, dem in der Veterinäranästhesie zunehmend Bedeutung zukommt.

Fazit für die Praxis

Die Flussrate am Flowmeter ist kein Wert, den man einmal einstellt und dann ignoriert. Sie wird im Verlauf einer Anästhesie an die jeweilige Phase angepasst: in der Einleitungsphase hoch, um das System rasch zu äquilibrieren, in der Erhaltungsphase (steady state) sparsam an den Verbrauch des Patienten angepasst und in der Ausleitungsphase wieder hoch, um das Inhalationsanästhetikum sicher und umweltschonend auszuspülen. Wer diese drei Phasen bewusst steuert, anästhesiert sicherer, ressourcenschonender und nachhaltiger.

Auf der AnaesthesieSkills Plattform steht in der Rubrik WissenGO! ein Video kostenfrei zur Verfügung, in dem gezeigt wird, wie der Atembeutel kollabiert. Hier kostenlos anmelden für die AnaesthesieSkills Plattform: www.anaesthesieskills.com